Christian Griesbeck

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Start Tanz Tanznotation Geschichte

Die Geschichte von Tanzschriften und deren Konzepte

Die häufigste Motivation Tänze niederzuschreiben, war sicherlich einfach, um sich diese besser merken zu können. Auch das älteste erhaltene Manuskript mit Abfolgen von Tanzschritten von ca. 1445 aus Nancy ist vermutlich für diesen Zweck entstanden. Eine Niederschrift setzte natürlich die Fähigkeit voraus, schreiben oder malen zu können. Dabei entstand oft eine schwer lesbare Privatnotation ohne eine Legende, die als Schlüssel zur Notation dienen könnte.

Häufig wurden aber auch Tänze niedergeschrieben, um sie Personen zu vermitteln, bei denen eine direkte persönliche Vermittlung ausgeschlossen war. Sei es, weil eine Person sich an einem anderen Ort befand (und dieser beispielsweise die neuesten Tänze in einem Brief mitgeteilt wurden), oder sich die Niederschrift an eine größere Gruppe von Personen richtete (wie z.B. in einem Tanzbuch mit einer Sammlung von Tänzen). Dabei musste entweder ein gemeinsamer bekannter Code existieren oder die Beschreibung musste so konkret sein, dass man sie aus sich heraus verstehen kann.

Manchmal wurden Tänze verschriftlicht, um sie für die Zukunft zu überliefern (etwa um eine Tanzgeschichte zu schreiben oder z.B. um ein Ballett für eine spätere Wiederaufnahme festzuhalten). All das finden wir mit verschienen Methoden realisiert, die sich im Laufe der Jahre entwickelten. Oft wurde dabei „das Rad immer wieder neu erfunden“, aus Unkenntnis, Ignoranz oder weil viele Tanzschriften zeit- und stilspezifisch waren. Dennoch fanden einige Tanzschriften über viele Jahrzehnte rege Verwendung, bevor sie wieder in Vergessenheit gerieten.

Verbale Beschreibungen

Die frühesten erhaltenen aufgezeichneten Tänze, die wir rekonstruieren können, stammen aus der Mitte des 15ten Jahrhunderts. In der Regel verwenden sie noch kein kodifiziertes Tanzschriftsystem, sondern beschreiben die Tänze einfach in einem Text.

Vermutlich aus der Zeit um 1452 stammt das erste erhaltene umfangreiche Traktat zum Gesellschaftstanz – Domenico da Piacenzas „De arte saltandi et choreas ducendi“ (Paris, Bibliothèque nationale, fonds ital. 972). Es enthält sowohl einen tanztheoretischen Teil, verbale Tanzbeschreibungen sowie Musik für die Tänze.

Eine sehr erfolgreiche Buchreihe mit Tanzbeschreibungen, als eine Abfolge von verbal beschriebnen Figuren, startete John Playford 1651 mit dem Titel „The English Dancing Master“ – die Reihe war so erfolgreich, dass bis 1728 insgesamt achtzehn Editionen erschienen. Allerdings sind die Beschreibungen hier so knapp, dass die verwendeten Figuren dem Leser bekannt sein müssen, um sie ausführen zu können. Welche Schritte getanzt werden sollen und wie diese auszuführen sind, ist zudem nur rudimentär angegeben.

Verbale Beschreibungen sind eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion vergessener Tanzformen. Wenn sie einen ausführlichen Text enthalten, sind sie oft die besten Dokumente, weil wir manchmal auch etwas vom Umfeld erfahren. Sie kommen in der Geschichte notierter Tänze häufig vor, das reicht in der Spannweite von expliziten Tanztraktaten bis zu Briefen, in denen Tänze übermittelt werden. Die Ausführlichkeit macht sie für einen konkreten Tanz aber vielfach etwas unübersichtlich. Insbesondere die Eigenheit, dass man sich in Texten ungern wörtlich wiederholt, erschwert es die Struktur zu identifizieren.

Für Anfänger, die einen Tanz erlernen wollen, ist eine verbale Beschreibung sicherlich auch heute noch das Mittel der Wahl, denn hier muss nicht zuerst eine Notation erlernt werden, um den Tanz lesen und ausführen zu können.

Wortkürzel

Das älteste recht genau datierbare Manuskript mit einer kodierten Form von Tanzschritten ist von ca. 1445 aus Nancy und enthält 13 mit Kürzeln notierte Tänze (Paris, Biliotheque national, f. fr. 5699).

Hier ein Beispiel für diese Notation nach dem „Manuscrit des basses danses de Marguerite d'Autriche“ (bekannt als Brüssel Manuskript 9085) das vermutlich aus dem Ende des 15ten Jahrhunderts stammt. Im Original ist es mit Gold und Silberfarbe auf schwarzem Grund geschrieben. In der Notation ist oben der Melodieverlauf angegeben, in der Zeile darunter der Name des Tanzes und Angaben zu den Mensuren. In der untersten Linie findet sich die Schrittabfolge des Tanzes. Die einzelnen Schritte, die Zeitgenossen bekannt waren, wurden durch die Anfangsbuchstaben der Schrittnamen abgekürzt. Am Anfang des Manuskripts findet sich auch eine kurze theoretische Abhandlung über den Tanzstil, den basse danse. Angaben zu den Raumwegen und der Länge der einzelnen Noten sind nicht vorhanden, bei der Rekonstruktion wird die naheliegende Verwendung der Anfangsbuchstaben für die Schritte aus späteren Texten rückgeschlossen. Auch der älteste erhaltene Druck mit Tanzschrift, Michel Toulouze „S'ensuit l'art et instruction de bien dancer“ von 1488, enthält eine Wortkürzelnotation für basses danses.

Es ist nicht verwunderlich, dass in frühen Schriften nur beschreibende Texte verwendet wurden oder mit Kürzeln für bestimmte bekannte Schritte gearbeitet wurde. Die Zeit war noch nicht reif für die Kodifizierung eines komplexeren Zeichensystems. Dabei ergibt sich oft das Problem, dass die Autoren all das nicht beschrieben haben, was sie in ihrer Zeit als bekannt voraussetzen konnten. Dieses Problembewusstsein musste erst entstehen mit dem Wunsch, Tänze zu erhalten für eine Zeit, in der die notwendige Tanztechnik nicht mehr von Lehrer zu Schüler tradiert worden ist. Arbeau (Jehan Tabourot) hatte offensichtlich dieses Problembewusstsein, er benutzt die gleiche Wortkürzelnotation noch 1588 in seinem Buch „Orchésographie“ um den basse dance zu notieren, schreibt aber unter den Noten die Schritte voll aus, so das er uns als Schlüssel dienen kann. Arbeau ist der erste bekannte Autor, der sich in seinem Traktat der Geschichtlichkeit und Vergänglichkeit von Tänzen bewusst ist.

Wortkürzelsysteme kehren in der Geschichte der Tanzschrift immer wieder. Auch während der ersten wirklich heißen Phase um die Entwicklung einer Tanzschrift, in der Zeit als der französische König Ludwig XIV eine königliche Tanzakademie gründen liess und jeder Tanzmeister versuchte eine eigene Notation zu entwickeln, wurden Wortkürzel für Tanzschritte verwendet. Erhalten sind uns zwei Bücher von André Lorin, die „Livre de contredance“ von ca. 1685 und 1687, in denen er neben Bodenwegskizzen Kürzel für die jeweiligen Schritte einträgt. Selbst im 20sten Jahrhundert wurden noch neue Wortkürzelnotationen für Tanz entwickelt.

Bodenwege

Das Cervera Manuscript (ca. 1496) ist das älteste bekannte Dokument mit notierten katalonische Tänzen der baixa dansa, die Ähnlichkeit mit dem französischen basse danse oder dem italienischen bassa danza haben.

Der Autor arbeitet hier bereits mit der Kombination von Text und eigenen Symbolen, die vermutlich in Verbindung mit den bei den Schritten gemachten Bodenwegen entwickelt wurden. Ein Seitwärtsschritt ist mit vertikalen Linien gekennzeichnet, ein Vorwärtsschritt mit horizontalen Linen. Diese Notation findet sich auch später in ähnlicher Form im Tarragó oder de l'Hospital Manuskript (ca. 1580) wieder.

Fabritio Caroso publiziert in seinem Buch „Nobiltà di dame“ von 1600 die erste erhaltene Bodenwegskizze für eine Tanzfigur – eine „Kette“ auf der Kreisbahn für drei Damen und drei Herren. Auf der Kreisbahn ist die rhythmische Struktur mit Notenwerten eingetragen, um diese windet sich der Weg der Tänzer. Außen ist die Startposition der 6 Tänzer mit „Dma“ für „Domina“ und „Cvo“ für „Cavaliero“ bezeichnet. Auf dem gewunden Pfad der Tänzerinnen steht „questa e la linea della Domina“ und auf dem der Tänzer „questa e la linea della Cavaliero“.

 

Mit der Raumstruktur beschäftigen sich fortan viele Tanzschriften. Die heute beliebten Fußabdrücke, die den Tanzweg illustrieren sollen, finden wir schon 1642 in Juan de Esquivel Navarros Buch "Discursos sobre el arte del dançado".

In seinem „Livre de contredance“ von ca. 1685 hat André Lorin Bodenwegskizzen als Basis für seine Tanznotation verwendet. Im ersten Tanz werden die Pfade durch Taktstricke unterteilt, an ihnen stehen Kürzel für die jeweiligen Schritte. Die Startpositionen der Tänzer sind jeweils mit einem Punkt am Pfad markiert, sowie einem weiteren Punkt neben dem Pfad für den Fuß, der den ersten Schritt ausführt. Bei der Anfangsposition steht zur Unterscheidung der Personen zusätzlich ein „D“ für „Dame“ oder ein „S“ für „Sieur“ und jeweils die Nummer des Paares. Oben ist die Musik notiert, zusätzlich sind die Takte gekennzeichnet. Auch in der Zeile unter der Musik findet sich die Schrittsequenz. Ab dem zweiten Tanz verzichtet er dann allerdings aus Gründen der Übersichtlichkeit darauf, die Schritte nochmals direkt am Pfad anzugeben.

Auch bei der Notation von Jean Favier l’Aîné spielt die Position im Raum eine wichtige Rolle. Das Einzige in seiner Notation erhaltene Stück ist „Le Mariage de la Grosse Cathos“ von 1688. Favier zeichnet die Raumposition und Raumrichtung jedes einzelnen Tänzers für jeden Schritt als Aufsicht in eine Art Taktkästchen auf einem Notenliniensystem. Die vertikale Zusammenschau ergibt dabei das Raumbild der Tänzer miteinander, die horizontale Zusammenschau ergibt den Raumweg des Tänzers während des Tanzes. Die Buchstaben D (droite) und G (gauche) ergeben in Relation zum Körpersymbol die Richtung, in die der entsprechende Fuß seinen Schritt setzt oder eine Geste macht.

Die bedeutenste Bodenwegschrift des Barocks ist allerdings die 1700 von Raoul-Auger Feuillet in seinem Buch „Chorégraphie“ veröffentlichte Notation. Sie geht auf die, in dem Buch nicht erwähnte, Vorarbeit von Pierre Beauchamp zurück; stattdessen verweist Feuillet auf das Buch von Arbeau, das er aber wohl nie in den Händen gehalten hat. In der Tanzwissenschaft wird sie deshalb als Beuachamp-Feuillet-Notation bezeichnet. Unabhängig von der Urheberschaft war die Schrift das erfolgreichste Tanznotationssystem des Barock. Auch hier werden die Raumpfade (des Körpers) mit Taktstrichen unterteilt aufgezeichnet. An diesen Pfaden entlang wird der Weg, den der Fuß bei den Schritten beschreitet, angezeichnet. An diesen wiederum werden Aktionen wie Heben und Senken, Drehen, Springen usw. mit Symbolen notiert. Probleme ergeben sich allerdings bei Aktionen am Platz, die dann wie Bewegungen im Raum notiert werden müssen; sowie wenn mehrere Tänzer aktiv sind oder bei Überschneidungen der Pfade – das alles führt auf dem Papier zunächst oft zu irreführenden Raumbildern, die bei der Rekonstruktion entzerrt werden müssen.

Diese Notation ist recht komplex, deshalb hat Feuillet 1706 für die immer beliebter werdenden Contredances eine vereinfachte Notation entwickelt. Sie zeigt für die Grundbewegungen meist nur den Bodenweg und zu jedem Takt, durch ein „V“ als Symbol für die halb ausgedrehten Füße gekennzeichnet, die Körperrichtung auf diesem Pfad. Soll ausnahmsweise in einem Tanz etwas besonderes passieren, wird das dann durch die Zeichen der Feuillet-Notation beschrieben. Durch ihre Einfachheit war diese Art der Notation recht lange für diese Tanzform im Gebrauch.

Eine weiter vereinfachte Form, die nur die jeweilige Startaufstellung und den Bodenweg zeigt, hat sich sogar bis weit ins 20ste Jahrhundert gehalten. Auch bei der Entwicklung der beiden heute noch gebräuchlichen universellen Tanznotationssysteme im 20sten Jahrhundert wurden Bodenskizzen als ergänzendes Hilfsmittel in diese Systeme eingeführt.

So wurden Bodenwegsskizzen als ein Teil der Labanotation wieder aufgegriffen. Sie sind dort ein Hilfsmittel, um Position, Ausrichtung und Weg der Tänzer im Raum schnell visualisieren zu können. Und auch bei der Benesh Movement Notation™ finden sich Bodenskizzen.

Timing

Um mit der Musik synchron zu sein, ist es beim Tanzen entscheidend zu wissen, wann genau welcher Schritt gesetzt werden soll.

Arbeau hat sich dieses Problems in seinem Buch „Orchésographie“ von 1588 angenommen. Neben jede Note eines um 90 Grad im Uhrzeigersinn gedrehten Notensystems platziert er eine verbale Beschreibung der Schritte, die jeweils zu diesem Zeitpunkt auszuführen sind. Durch diese Tabulatur ist nun der Zusammenhang zwischen den Schritten des Tanzes und den Noten der Musik zu erkennen.

Auch Favier hat dieses Timingproblem erkannt, über jeden Rahmen seiner Tanzschrift von 1688, der einen Zeitabschnitt wiedergibt, stehen die dazugehörigen Noten und darunter Aktionen wie Heben und Senken.

Einen Rückschritt machte hingegen zunächst Feuillet 1700. Der Bodenweg ist bei ihm zwar mit Taktstrichen unterteilt, aber das genaue Timing der Bewegungen innerhalb der Schritte lässt sich zunächst nicht gut abbilden. Zu dem neigen leider Menschen oft dazu, selbst die eigentlich vorhandenen Möglichkeiten nicht zu nutzen, wenn sie eine Notation anwenden – weil sie die genaue Ausführung als bekannt voraussetzen. Dieses Problem wird zwar erkannt und in späteren Varianten der Notation mit unterschiedlichen Lösungswegen behandelt, eine volle Verwendung fanden diese Lösungen allerdings nicht.

Die Kombination von Noten und Tanzschrift in einem gemeinsamen System ist für das Timing von Tanz immer wieder ein beliebter Ansatz, allerdings ist dies meist nicht so exakt, wie man sich das wünschen würde.

Einen anderen Ansatz verwendet im 20sten Jahrhundert die Labanotation. Sie trägt die Bewegungssymbole in ein Liniensystem ein, bei dem die für eine Bewegung verwendete Zeit in direktem Zusammenhang steht mit der Länge, die das Symbol für diese Bewegung auf dem Papier einnimmt.

Abbildungen von Bewegungsphasen tanzender Menschen

Tanzen ist mehr als das Setzen einzelner Schritte, der ganze Körper ist darin involviert. Oft sagt eine Skizze mehr als viele Worte.

Tanzbücher wurden oft mit Illustrationen von tanzenden Paaren geschmückt, wie hier bei Guglielmo (Ebreo da Pesaro) in „De pratica seu arte tripudii“ (1463). Sie zeigen uns meist die Ausgangsstellung des Tanzes, wir erkennen dabei Details wie die verwendete Körper- und Handhaltung. Spätere Illustrationen wie beispielsweise 1581 bei Caroso werden noch realistischer.

Das Bilder nützlicher sein können als bloßer Schmuck, hat Arbeau 1588 in seinem Buch „Orchésographie“ gezeigt. Die Holzschnitte illustrieren die beschriebenen Bewegungen und machen so deutlicher, was er damit meint.

Auch Cesare Negri zeigt uns in „Nuove inventioni di balli“ (1604) Bewegungsdetails mittels Figurenzeichnungen. Die Abbildungen von Tanzenden zur Illustration bestimmter Aspekte des Tanzes finden wir fortan immer wieder in Tanzbüchern.

Nun ist es sicherlich gut, einen einzelnen prägnanten Moment der Bewegung als Abbildung zu haben, besser ist es natürlich, die Bewegungen in mehrere Phasen einzuteilen und diese abzubilden. Da realistische Abbildungen von tanzenden Menschen recht aufwendig sind, hat man im 19ten Jahrhundert eine Strichmännchennotation für die Illustration von Bewegungsphasen entwickelt. Hier gab es verschiedene Ansätze. Zum Beispiel ist die „Sténochorégraphie“ von Arthur Saint-Leon 1852 ein früher Versuch dazu.

Etwas später beschreibt Friedrich Albert Zorn in seinem Buch „Grammatik der Tanzkunst“ (1887) sein System einer Strichmännchennotation. Bemerkenswert ist, dass er bereits Bewegungslinien verwendet und nicht nur in Posen denkt. Das Buch bietet neben seiner Form der Tanzschreibkunst „Choregraphie“ einen systematischen Überblick über die Technik in der Tanzkunst seiner Zeit.

In der Mitte des 20sten Jahrhunderts haben aus einer weiter abstrahierten Strichmännchenrepräsentation des menschlichen Körpers Joan und Rudolf Benesh die „Choreology“ oder „Benesh Movement Notation™“, wie sie später genannt wurde, entwickelt. Sie benutzt ein Notenliniensystem, bei dem jede Linie einem Körperbereich (Kopf, Schultern, Taille, Knie, Füße) zugeordnet ist. Notiert wird die Rückenansicht des Körpers in den Linien, Veränderungen werden durch Bewegungslinien von Position zu Position kenntlich gemacht. Die Notation ist eine der beiden heute noch allgemein gebräuchlichen Tanzschriften. Sie wurde insbesondere dadurch populär, dass sie von der englischen Royal Academy of Dance verwendet wird. Das mag auch der Grund sein, dass sie oft für die Niederschrift von Klassischem Ballett eingesetzt wird.

Abstrakte Zeichen

Abstrakt meint hier, dass keine bekanten Zeichen wie z. B. Buchstaben des Alphabets verwendet wurden, sondern spezifische neue Symbole erfunden worden sind.

Das Cervera Manuskript (ca. 1496) ist die erste erhaltene Notation, die abstrakte Zeichen für Schritte verwendet. Aus den Raumwegen bei dem jeweiligen Schritt wurde das wesentliche extrahiert und ein Symbol dafür kreiert. So stehen beispielsweise zwei senkrechte Linien für eine Seitwärtsbewegung (continencia), zwei horizontale Linien für einen einfachen Schritt (pas) vorwärts und drei horizontale Linien für einen doppelten Schritt (seguit) vorwärts. Zusätzlich sind allerdings auch Buchstaben als Wortkürzel über dem Schrittsymbol angegeben.

Es wird eine Weile bis ins Barock dauern, bis wieder neue abstrakte Zeichen erfunden werden. Diesmal dienen sie vor allem dazu, um die Aktionen während der Bewegung im Raum – also das Heben und Senken, Sprünge, Gleiten, Drehen etc. – zu codieren. Wann genau damit zum ersten Mal wieder experimentiert wurde ist unbekannt; von Beauchamp, der mit seiner Arbeit wohl viele andere inspirierte, ist kein Material mehr überliefert. Für die Favier-Notation, die ebenfalls ein Symbolsystem einsetzt, haben wir eine einzelne Quelle von 1688.

Mit der bahnbrechenden Publikation von Feuillets Buch „Choreographie“ Anfang des 18ten Jahrhunderts kommt dann erstmals eine Tanzschrift mit einem abstrakten Zeichensystem in breiten Gebrauch. Interessant ist, dass bei Feuillet durch Linien eine Schrittsequenz zu einem Tanzschritt (wie dem „Pas de Bourrée“) zusammengebunden wird. Diese Funktion, die einen Tanzschritt noch als ein zusammenhängendes Ganzes sieht, lassen moderne Notationen vermissen. Ein anderer interessanter Aspekt dieser komplexe Tanzschrift ist, dass sie sich sofort an ein breites Publikum richtet und jeweils aufwendige Bücher „Recueil de Dances“ für die Modetänze des kommenden Jahrs veröffentlicht wurden, die offensichtlich auch einen Markt hatten.

Mit der Veränderung des Gesellschaftstanzes gerät auch die Beauchamp-Feuillet Notation wieder in Vergessenheit. Ab dem 19ten Jahrhundert wird wieder mit einer modifizierten Verwendung von Musiknoten zur Aufzeichnung vor Tanz experimentiert, ohne jedoch einen breiten Erfolg zu erzielen.

Moderne Tanzschriften wie die Labanotation führen wieder abstrakte Zeichen ein, um die ganze Komplexität des Tanzes einfangen zu können. Allerdings wird hier die Anzahl der zu erlernenden Zeichen, gegenüber weniger exakten Systemen der Vergangenheit, deutlich erhöht. Auch wenn die Zeichen in sich logisch aufgebaut sind, ist der Lernaufwand für eine vollständige Beherrschung der Notation enorm. Dafür kann man mit ihrer Hilfe jede mögliche Form von menschlicher Bewegung mittels Symbolen aufzeichnen. Eine größere Popularität hat diese Schriftsprache für Tanz nur kurzzeitig während ihrer Aufbruchsphase im 20sten Jahrhundert erreicht.

Ein verbindliches System für alle?

Nach mehr als einem halben Jahrtausend von erhaltenen Tanzaufzeichnungen hat sich, im Gegensatz zur Musik, beim Tanz leider immer noch kein allgemeinverbindliches System durchgesetzt. Es werden zudem immer wieder neue Systeme erfunden, oft im besonderen Hinblick darauf, einen bestimmten Tanzstil besonderes gut und einfach aufzeichnen zu können. Und vielfach rühmt sich dessen Erfinder auch noch, sich nie ein anderes Notationssystem angesehen zu haben. Diese Notationssysteme haben natürlich einen Eigenwert, denn sie sind meist sehr effektiv für ihren spezifischen Stil, den sie beschreiben. Andererseits verhindern sie, dass sich ein einzelnes allgemeines System durchsetzt. Unabhängig von vorhandenen Notationssystemen bleiben allerdings Tänzer ohnehin meist in ihrer Körpersprache Analphabeten ohne die Möglichkeit (oder Notwendigkeit) den Tanz niederzuschreiben oder aus einer Niederschrift zu reproduzieren. Gelernt wird ein Tanz oft nur durch visuelles Kopieren und Abspeichern der Sequenzen in der Körpererinnerung oder durch das Auswendiglernen einer Mantra von Schrittnamen zusammen mit den Modifikationen, die daran für den spezifischen Tanz vorzunehmen sind. Neben der Komplexität der menschlichen Bewegung, die moderne Tanzschriften mit einem entsprechend komplexem Notationssystem in den Griff bekommen haben, scheitern sie an den Tänzern und der Tatsache, dass diese spätestens beim Ernstfall – dem Tanzen ohne Blatt in der Hand dastehen müssen. So bleiben allgemeine Tanzschriften ein Werkzeug für Experten, um Tänze für die Zukunft zu konservieren oder spezifische Bewegungen exakt zu beschreiben.