Christian Griesbeck

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Start Tanz Tanznotation

Tanznotation - Einführung

Unter Tanznotation oder Tanzschrift verstehen wir die Erfassung von Tanzhaltungen und -bewegungen durch Worte, Zeichen und Bilder für eine spätere Wiedergabe dieser. Dabei kann sie entweder als kurze Merkhilfe für eine Abfolge von erlernten Schritten dienen oder umfassender detailliert alle Schritte und Bewegungen so genau beschreiben, dass eine dritte Person ohne die Kenntnis der spezifischen Tanztechnik aus ihr heraus den notierten Tanz erlernen kann.

Tanz und Musik als flüchtige Kunstform

Tanz ist wie die Musik eine flüchtige Kunstform, die nur im Jetzt ihr Dasein hat. Wie die Musik nur Musik ist wenn sie erklingt, ist der Tanz nur in der Bewegung Tanz. Um ihn aber dennoch zu fassen, wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Methoden entwickelt, um ihn für eine spätere Reproduktion aufzuzeichnen. Die Musik hatte es im Vergleich zum Tanz relativ leicht, als erstes waren hier im Wesentlichen nur zwei Parameter zu erfassen – Tonhöhe(n) in der Zeit. So entwickelte sich die Notenschrift, mit all ihren Problemen für die Notation späterer Musik, die aber meist durch Ergänzungen gelöst werden konnten. Erst mit der Erfindung der Notenschrift wurde eine umfassende Verbreitung in Raum und Zeit gesichert. Die Trennung von Musikpraxis und Musiktheorie wurde durch sie ermöglicht und die künstlerische Entwicklung beschleunigt. Dabei darf man bei der Musik nie das Notierte mit der eigentlichen klingenden Musik verwechseln; genau so ist beim Tanz die Notation auch nur ein Hilfsmittel, wenn auch oft von eigener ästhetischer Qualität.

Komplexe vs. einfache Aufzeichnungsformen

Der Tanz ist komplexer als Musik, und seiner Analyse bedurfte es der Anstrengung vieler kluger Köpfe über Jahrhunderte hinweg. Beim Tanz bewegten sich dreidimensionale Körper in Raum und Zeit mit all ihren Extremitäten und stehen zusätzlich oft mit dem Boden, anderen Körpern oder Requisiten in Verbindung – in der Robotik würde man heute von vielen Freiheitsgraden und Constraints reden, die notiert werden müssen. Ein Hauptproblem war erst einmal zu erfassen, wie detailliert eine Notation Bewegung wiedergeben können muss, um reproduzierbar zu sein. Dabei darf sie dann allerdings nicht so detailliert sein, dass sie nicht mehr lesbar ist. Auch der Zeitaufwand zum Notieren und die notwendigen analytischen Fähigkeiten müssen in einem beschränkten Rahmen bleiben. Im Lauf der Jahre entwickelten sich dazu verschiedene Lösungskonzepte – es wurden Wortkürzel verwendet, Bodenwege skizziert, Strichmännchen gezeichnet oder man nutzte und modifizierte das Musiknotensystem, schließlich arbeitete man mit abstrakten Symbolen, die bestimmte Bewegungselemente repräsentierten. Manche Tanzschriften geben nur eine Abfolge von als bekannt vorausgesetzten Schritten und Figuren wieder, andere beschreiben detailliert jeden Winkel jedes Gelenkes zu jedem Zeitpunkt innerhalb eines Tanzes.

Filmaufzeichnungen vs. Tanznotation

Seit der breiten Verfügbarkeit von Videoaufzeichnungsgeräten ab den 1970er Jahren ist man vermehrt dazu übergegangen, Tänze einfach abzufilmen. Eine Videoaufzeichnung hat den Vorteil, deutlich billiger und schneller als die Notation auf Papier zu sein. Außerdem ist sie direkter, wenn man aus ihr einen Tanz wieder aufnehmen möchte. Das Erlernen und Entziffern einer Tanzschrift entfällt, und das hohe Abstraktions- und Merkvermögen, das viele Schriftsysteme erfordern, ist nicht notwendig. Allerdings ist die Filmaufzeichnung jeweils eine tänzerspezifische Interpretation des vom Choreographen Gewünschten statt der neutralen Notation auf Papier. Zudem ist ein Nachteil einer Videoaufzeichnung die beschränkte Wiedergabe des Raumes und ihr mangelnder Detailreichtum. Ein schnelles Blättern und Vergleichen ist hier ebenso unmöglich wie eine Theoriebildung und Abstraktion der Bewegung. Der größte Nachteil ist sicherlich, dass spezifische technische Geräte zur Wiedergabe der Aufzeichnungen notwendig sind, deren Fortbestand nicht gesichert ist, ebenso haben Videobänder eine recht beschränkte Haltbarkeit. Eine Digitalisierung leistet hier auch nur teilweise Hilfe, denn hier ist ein ständiges Umkopieren auf neue Datenspeicher und der Erhalt von geeigneter Wiedergabesoftware erforderlich. Auf Papier notierte Tanzschrift ist im Vergleich für einen möglichst langen und einfachen Fortbestand der Information nach wie vor unschlagbar.