Christian Griesbeck

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Start Tanz Historischer Tanz Vorzeit bis Mittelalter

Der Tanz von den Ursprüngen der Menschheit bis zum Mittelalter

Um es vorweg zu nehmen, die frühesten überhaupt erhaltenen Quellen, die es uns ermöglichen, eine historisch fundierte Choreographie von Tanz als Bewegung zu Musik ernsthaft zu rekonstruieren, stammen erst aus der Mitte des 15ten Jahrhunderts. Dennoch finden sich eine Reihe von Spuren, die uns vom Tanz hinterlassen worden sind, quer durch die Kulturgeschichte der Menschheit. Für die älteste Zeit der Tanzgeschichte existieren zuerst nur Höhlenzeichnungen, Bilder und Plastiken. Später haben wir dann auch Textdokumente und Musiknotationsfragmente, schließlich erst sehr spät im Mittelalter gibt es auch Notation für rekonstruierbare Musik von Tänzen. All diese Relikte einer vergangen Zeit sind nur mit Vorsicht und einer gewissen Sachkenntnis zu interpretieren. So liegt es z.B. oft am Kunststil der Zeit, dass ein Körper verdreht abgebildet wurde und nicht unbedingt daran, dass der Körper beim Tanz tatsächlich verdreht war. Immerhin wissen wir für die hier betrachtete Zeit, dass getanzt wurde, oft auch warum getanzt wurde und manchmal etwas über den verwendeten Bewegungsduktus. Aber leider haben wir hier nie genügend Informationen für eine solide wissenschaftliche Rekonstruktion von Tänzen.

Tanz in der Steinzeit

Tanzen ist ein Phänomen, das sich vermutlich durch die ganze Menschheitsgeschichte zieht. Schon in den frühesten Selbstdarstellungen von Menschen in Form von Fels- und Höhlenbildern sehen heute einige Interpreten Tänze. Wir wissen nicht genau, ob dem wirklich so ist, denn wir können die Künstler weder fragen, was sie darstellen wollten, noch haben wir schriftlich Überlieferungen. Eindeutiger werden die Zeichnungen erst, je näher wir den ersten Hochkulturen kommen.

Um die frühen Artefakte zu interpretieren, sind wir hier für den Tanz, wie bei vielem anderen aus der Zeit, auf unsere Phantasie angewiesen. Was wir in manchen Bildern entdecken können, sind Gruppen von Menschen, die sich wie in einem Reigen fassen oder die geschlechtspezifische Grüppchen bilden. Manch andere Bilder zeigen Menschen, die scheinbar Tiere nachahmen – das könnte durchaus in einem Tanz geschehen sein. Vor einiger Zeit sind sogar 35-40.000 Jahre alte Knochenflöten gefunden worden, die es erlauben, Töne zu erzeugen. Wie allerdings Musik damals geklungen hat, kann nur pure Spekulation bleiben. Genauso wie die Frage, ob es wirklich so früh bereits Tanz gab und ob dieser mit Musik kombiniert wurde.

In früheren tanzgeschichtlichen Darstellungen wurden für den Zeitraum auch gerne tanzethnologische Berichte über Völker verwendet, die noch unter steinzeitlichen Bedingungen lebten und romantisierend „Naturvölker“ genannt wurden. Davon ist man glücklicherweise mittlerweile genau so abgekommen wie vom romantisierenden Blick auf diese Völker.

Tanz in der Antike

Etwas besser mit der Quellenlage sieht es für den Tanz schon in der Antike aus. Wir haben Abbildungen von musizierenden und daneben unzweifelhaft tanzenden Menschen. Auch musiktheoretische Werke und Notationsfragmente existieren aus der Antike, wobei deren Interpretation durchaus problematisch ist. Es gibt sogar Schriften, die sich mit dem Tanz beschäftigen. Leider sind das aber alles keine Tanzbücher, die Anleitung für Tänze enthalten. Trotz vieler Zeugnisse aus der Zeit fehlt leider das entscheidende Material – exakte Tanzbeschreibungen, die den Tanz rekonstruierbar machen würden. So wissen wir – ja, es gab damals Tanz, aber wie genau das war, wissen wir leider nicht. Wir können also auch in der Antike nur Bilder betrachten und unsere Phantasie spielen lassen.

Ägypten

Bereits aus der ägyptischen Vorkultur der Neqade Zeit gibt es erste Bildnisse von Menschen, die durchaus als tanzend interpretiert werden können. Die erhaltenen Stücke sind allerdings zu wenige und zu vage, es fehlt noch die beschreibende Inschrift, die uns weiterhelfen würde.

Im alten Ägypten war Tanz dann eine Alltagserscheinung. Zeugnisse finden sich in Texten und Bildern (einige sogar mit unterschiedlichen Bewegungsphasen). Die Beischriften der Bilder sagen uns oft sogar eindeutig, dass es sich um Tanz handelt. Allerdings wurden bislang noch keine tanztheoretischen Schriften oder Tanznotationen gefunden. Der Tanz scheint sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und verändert zu haben. Manchmal erfahren wir Details von Tanzaufführungen z.B. auch aus Reiseberichten von Griechen, die Ägypten bereist haben. Der Tanz diente sowohl als Teil von religiösen Zeremonien und Beerdigungen als auch zur Unterhaltung. Er wurde im Laufe der Zeit zunehmend professionalisiert – viele Tänzer kamen aus dem Ausland. Beliebt waren Pygmäentänzer, die für ihre Artistik bekannt waren, aber auch asiatische Tänzerinnen, die neue tänzerische Impulse mitbrachten. Typischerweise tanzen Gruppen von Frauen oder von Männern, seltener gab es gemischte Gruppen.

Griechenland

Bereits in der minoischen Kultur auf Kreta scheint der Tanz eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Kenntnis über ihn erlangen wir allerdings nur von Bildern, Plastiken und aus späteren griechischen Berichten.

Im antiken Griechenland findet sich der Tanz in Werken von einschlägigen Autoren wie Plato und Homer und vielen anderen wieder. Neben diesen literarischen Werken ist er Motiv auf unzähligen Vasenbildern. Anders als in Ägypten zuvor und in Rom danach tanzten hier nicht ausländische Profis, sondern Griechen für Griechen. Das mag den besonderen Stellenwert des Tanzes hier ausmachen, denn auch in der Götterwelt wird gerne getanzt. Terpsichore, eine der sieben Musen, war zuständig für die Chorlyrik und den Tanz. Das beides in Griechenland eng zusammen gehört, merkt man insbesondere bei den choreographierten Bewegungen des Chores in antiken Aufführungen. Männer und Frauen tanzten üblicherweise getrennt voneinander. Das spiegelte die Lebenssituation wieder, denn die Frau hatte nur eine untergeordnete Rolle und war meist auf den häuslichen Bereich verwiesen. Es gab Tänze des Friedens und Tänze des Krieges. Waffentänze waren ein Teil der militärischen Ausbildung.

Rom

Wie wir Bildern und Plastiken entnehmen können, scheint auch bei den Etruskern der Tanz eine große Rolle gespielt zu haben.

Später, im antiken Rom, erreichte dann der Tanz nie das Ansehen wie zuvor in Griechenland. Es gab auch hier die gleichen Sparten religiöse Tänze, Waffentänze und Tänze zur Unterhaltung, aber die Kultur des Tanzes wurde vornehmlich importiert. Wie schon in Ägypten ließ man in der Regel Ausländer für sich tanzen.

Tanz im Mittelalter

Mit der zunehmend komplexer werdenden Musik entwickelt sich im ausgehenden Mittelalter ein Musiknotationssystem. Ab einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt können wir also mit einigem guten Gewissen wieder historisch fundierte Musik erklingen lassen. Auch Tänze werden immer wieder erwähnt und tanzende Menschen auf Bildern festgehalten. Dabei lassen sich drei Formen ausmachen: Das Reihen für die verschiedenen Reigentanzform (in gleich- oder gemischtgeschlechtlichen Gruppen) in der offenen oder geschlossen Kette, oft angeführt bzw. angeleitet von einem Vorsänger oder Vortänzer. Das später auftauchende Tanzen für Tanzformen zu zweit oder zu dritt. Und das Springen als eine Solotanzform gefüllt mit akrobatischen Kunststücken die der Schaulust genügen.

In einigen Städten werden sogar eigens Tanzhäuser eingerichtet – oft sind uns detaillierte Regeln erhalten, wer Zugang zu diesen Häusern genoss. Was uns leider nach wie vor fehlt, sind rekonstruierbare Tanzbeschreibungen. Es bestand wohl noch kein Bedürfnis, die Tänze niederzuschreiben. Vielleicht haben die Tänze einfach noch nicht den Komplexitätsgrad der Musik erreicht, der es nötig machen würde, sie zu notieren. Erst am Ende des Mittelalters, ab 1445 gibt es aus Frankreich (bzw. dem Burgund), sowie aus England und Katalonien erste Quellen für Schreittänze, den Bassedanse. In dieser Zeit war in Italien die Renaissance bereits in vollem Gange und überlieferte uns bereits ein erstes Spektrum an Tänzen.

Den Tanz der Zeit nachtanzen?

Wie am Anfang bereits erwähnt, fehlen uns leider die grundlegenden Informationen, die es uns ermöglichen würden, den Tanz vor der Mitte des 15ten Jahrhunderts ernsthaft zu rekonstruieren. Ich persönlich beschäftige mich daher aktiv tanzend nur mit den Zeiten danach. Wer es mag (oder muss) kann es natürlich dennoch versuchen, sich dem Tanz vor dieser Zeit anzunähern. Quellen dafür können dann nur Bilder und Texte sein, die auch wirklich aus der Zeit stammen. Sie vermitteln oft zumindest einen ungefähren Eindruck von Gruppen- und Raumstrukturen sowie der Bewegungsqualität des Tanzes. Bei Bildern ist immer der spezifische Kunststil zu beachten und der Körper ggf. zu entzerren. Auch Texte können leicht einen Tanzstil verzerren – falls es sich z.B. um eine Polemik handelt oder einen Bericht von fremden Völkern. Mit aller Vorsicht und möglichst viel Informationen kann man sich dann an eine Neuchoreographie wagen. Man sollte sich dabei vor „falschen Freunden“ hüten, viele Namen von Tänzen und Bewegungen wurden später mit neuem Inhalt gefüllt – daher ist es meist nicht sehr sinnvoll, aus jüngeren Tänzen nach dem Motto: „Die werden schon ähnlich getanzt haben“ auf ältere Zeiten rückzuschließen. In Workshops mit Tänzen aus der Zeit vor der Renaissance sollte man daher auch mal nach den verwendeten Quellen fragen, um sich ein Bild von der Problematik der Rekonstruktion machen zu können. Ein guter Lehrer ist immer froh über diese Fragen und wird sie gerne beantworten. Oft hat er sogar entsprechendes Material parat, um seine Rekonstruktion zu erläutern.