Christian Griesbeck

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Windows

Jemand hat einmal Microsoft und Windows als Konsensplattform bezeichnet – eine schlechte Wirklichkeit, auf die man sich nun mal irgendwie geeinigt hat. „Good Enough Quality” war ein amerikanischer Begriff in dieser Zeit. Meine ersten Kontakte mit Windows verliefen immer wieder im Sand. Einen DOS PC hatte ich zwar seit meinen Atari Anfängen, er wurde aber nie ernsthaft eingesetzt, denn er war einfach nicht grafisch genug für mich. Als dann OutlineArt gerade fertig gestellt war, gab es erste Versionen von Windows schon einige Zeit. Calamus selber war zu groß und zu unfertig, um einfach und schnell portiert zu werden, der Markt angeblich auch zu risikoreich. So sollte mit OutlineArt, für den von großen amerikanischen Gesellschaften dominierten DTP Markt auf dem PC, ein Versuchsballon gestartet werden. Dummerweise waren PC Programmierer damals teuer und der Mann, der die Software übertragen sollte, wurde vom Flughafen abgeworben, wo er für seine Arbeit deutlich mehr bekam. Ich schaffte mir dann selbst einen Windows PC von Vobis an, der aber nie wie gewünscht funktionierte, weil die Hardware unlösbare Konflikte hatte. Nach einer erfolglosen Reparatur kam er dann sogar mit dem Lüfter lose im Gehäuse hängend zurück, und er wanderte umgehend wieder zum Händler. Ein späterer Versuch sollte ein PC mit Windows NT sein, selber mit tollen Komponenten zusammengeschraubt, nur auch der funktionierte leider nie, der Bildschirm blieb schwarz. Um die Gründe festzustellen, hatte ich nicht die Werkzeuge - dumm gelaufen. Und ich blieb erst mal bei meinem Mac, der lief und lief und lief.

Die Bewerbung für meinen nächsten Arbeitgeber CBC verlief dann auch recht interessant. Sie suchten, wie alle in der Zeit kurz vor dem Jahr 2000, händeringend nach Programmierern. Das Umfeld ihrer Entwickler war Windows NT und MS SQL Server, die Sprachen Gupta CTD (Centura Team Developer), VBA und SQL. Alles Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte, aber meine Aussage bei dem Bewerbungsgespräch war: „Ein richtiger Programmierer kann in jeder Umgebung innerhalb von zwei Wochen produktiv werden. Entscheidend ist nicht das Beherrschen einer konkreten Umgebung und Sprache, sondern die Fähigkeit, bisheriges Wissen zu übertragen.“ Aber es war recht klar, sie würden mich wohl nicht einstellen, zu allem Überfluss waren der Abteilungsleiter und Chefentwickler des Projekts gerade in Urlaub. Weil ich ein neugieriger Mensch bin, ließ ich mir aber kurz die Software zeigen, die sie entwickelten: „HunterNT“. Wie erwartet, kam dann eine schriftliche Absage. Ich schrieb einen Nachfassbrief, in dem ich mich bedankte und bestätigte, dass es sicherlich die richtige Entscheidung war, mich nicht einzustellen; das Userinterface der Software sollte aber dringend verbessert werden und ich machte ein paar grundlegende Vorschläge – so bin ich nun mal. Kurz darauf kam ein Anruf, ob ich das mit den zwei Wochen wirklich ernst gemeint hätte, sie brauchten dringend Unterstützung beim Testen. Klar hatte ich das ernst gemeint und dann natürlich auch gezeigt – ja, es geht. So wurde ich zunächst erst einmal für drei Monate zur Fehlerbeseitigung eingestellt, daraus wurden dann einige Jahre.

Das Produkt „Hunter“ war ein recht umfangreiches Datenbanksystem einer großen Personalberatung, das seit den 1980ern gewachsen war. Angesichts der „Jahr 2000 Umstellung“ wurde mein neuer Arbeitgeber damit beauftragt, das System mit der aktuellen Technologie von Windows NT neu zu implementieren. CBC merkte bald, dass ein Markt für eine derartige Software vorhanden ist und wollte aus „HunterNT“ eine Standardsoftware machen. Sie verkauften das System auch recht erfolgreich an mehrere namhafte Personalberatungen. Unglücklicherweise wollten diese Unternehmen aber jeweils Anpassungen der Software an die individuellen Bedürfnisse, ohne dass das System von vorne herein darauf angelegt war, flexibel erweitert zu werden. Folglich lief das Projekt so schief, wie ein Projekt nur laufen kann. Genau zu dem Zeitpunkt wurde ich bei CBC angestellt. Die Entwickler arbeiteten mit Hochdruck auf mehreren Baustellen gleichzeitig, um den Kunden zu vermitteln: es geht weiter. Dennoch war einem Kunden das System noch zu instabil und der Zeitplan zu eng, er ließ erst sein Altsystem kostenintensiv auf Jahr 2000 Fähigkeit umrüsten, um dann etwas später umzusteigen. Dem Entwicklerteam, das erste Auflösungserscheinungen zeigte, verschaffte das allerdings den notwendigen Spielraum, um das System beim ursprünglichen Auftraggeber live zu schalten (direkt bevor dieser gekauft wurde und der dann auf das System der neuen Mutter umgestellt wurde). Kurz vor Weihnachten nahm ich dann den Code kurzzeitig ganz unter meine Fittiche, um ihn systematisch Zeile für Zeile von Fehlern zu befreien. Dann glich ich das Pflichtenheft mit der Software ab und räumte auch hier erst einmal systematisch mit Wunschfunktionen auf, für deren Entwicklung keiner zahlen würde. Ich stellte einige noch fehlende Module fertig und schrieb Anwenderdokumentation. Schließlich konnte auch das „Problemsystem“ live gehen. Mit einer systematischen Aufstellung von mir, was hier alles an Leistungen erbracht worden ist und welche zusätzlichen Wünsche die Nutzer über das Pflichtenheft hinaus hatten, schafften wir es dann glücklicherweise, die Arbeit wieder auf eine faire Basis zu stellen. Das Desaster war abgewendet.

Nach und nach wurde die Softwareentwicklungsabteilung bei CBC immer kleiner, die Internetblase war auf ihrem Höhepunkt, und überall suchte man nach dem Jahr 2000 Hype Programmierer für die Euroumstellung. Ich übernahm die technische Leitung der Restabteilung, und meine Hauptaufgabe wurde es, „HunterNT“ lebensfähig zu machen und zu erhalten bis ein Käufer gefunden wurde, der es in der Zukunft weiterentwickeln würde. Der Hauptkonkurrent von „HunterNT“ hatte Pech – statt die Rechte zu kaufen um die Software einzustellen und die Nutzer auf das eigene System zu migrieren, war sein Kalkül vermutlich, dass „HunterNT“ ohnehin sterben würde. Doch dann hatten wir das Glück, mit Fecher einen kompetenten Käufer zu finden, der Erfahrung mit dem zugrundeliegenden Centura hatte. Inzwischen hat „Hunter“ wieder seinen ursprünglichen Namen und wird nach wie vor von Fecher, nun auf Basis von .net, entwickelt und vertrieben.

Nachdem der Verkauf und die Übergabe von „HunterNT“ abgewickelt war, wurde die Euroumstellung des internen ERP Systems von CBC auf Basis von Navision kurzzeitig meine neue Aufgabe. Allerdings wurde für mich schnell klar: auf Dauer ist Navision nichts für mich. Die Probleme die anfallen sind zu einfach, das System ist recht krude – kein Wunder, das Microsoft die Firma aufgekauft hat. Gleichzeitig war die IT-Branche in einer Krise, Windows 2000 zog wieder Erwarten nicht, die großen Firmen stellten nicht um, die Internetblase war geplatzt, der Jahr 2000 und Euro-Hype vorbei. Ich konnte meinem Chef nur empfehlen, dass CBC sich auf sein Kerngeschäft konzentriert – mit Erfolg, die Krise wurde überstanden. Und ich habe mich endlich um meinen Studienabschluss und allerlei anderes kümmern können. Aber auch ein neues, altes Projekt – eine Choreographiesoftware hatte nun die Konsensplattform Windows als Basis erreicht.