Christian Griesbeck

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Software Choreographica

Choreographica

Mein aktuelles Softwareprojekt ist Choreographica - eine integrierte Workflow Lösung für Tanzschrift und Choreographie – von den ersten Skizzen zum fertig aufgezeichneten Tanzstück und weiter zu einer langzeitarchivierbaren Version. Eine Software, deren Konzept bereits mit einem Preis ausgezeichnet wurde.

Die zugrundeliegende Idee, eine Software zu schaffen, mit deren Hilfe man am Computer choreographieren kann, hat mich eigentlich schon seit meinen 8-Bit Anfängen in den 1980er begleitet. In einer  Fernsehsendung sagte ein Choreograph, dass er im Gegensatz zum Komponisten, der zunächst im stillen Kämmerlein seine Noten niederschreiben kann, immer Tänzer braucht, um seine Ideen zu erarbeiten. Nichts leichter als das, sagte ich mir, man könnte doch einfach mit dem Computer die Tänzer simulieren. Aber leider hätte die Technik, die mir damals zur Verfügung stand, das Ganze auf zwei Tänzer beschränkt. Und ein Wissen von Tanz war faktisch bei mir nicht vorhanden. Ich sinnierte noch über den knappen Ballettartikel in einem einbändigen Lexikon, der die fünf Fußpositionen beschrieb und wunderte mich, wie man daraus einen Tanz machen soll.

In dieser Zeit hatten auch viele andere ähnliche Ideen. Es existierte z.B. ein Atari Programm „Dance Fantasy“ von Fischer Price, das schon so ähnlich aussah wie das, was ich damals plante, aber nur eine Abfolge von Posen im Raum ermöglichte. Auf dem Apple II werkelte ab 1982 Eddie Dombrower, ein Tänzer und Programmierer, an einem Key-Frame-Animations Programm „DOM Dance Press“. Das berühmteste Programm war wohl später ein weiteres Key-Frame-Animation System: „Lifeforms“, ab 1989 entwickelt an der Simon Fraser University und mit dem Merce Cunningham choreographierte. Aber eigentlich ist die Idee fast schon so alt wie es interaktive Computergraphik gibt, denn scheinbar haben viele IT-Spezialisten eine Affinität für Tanz.

Ich griff die Idee ab 1994 wieder in der Kombination Mac und Newton auf, aber sie endete mit dem Ende des Newtons. Der Mac war ein System ohne Zukunft und diese Art von Software muss lange, lange laufen (bzw. das Datenformat gelesen werden können), sonst wird unter Umständen wichtiges Kulturgut zerstört.

Die Technik hat sich weiterentwickelt, und nun bin ich wieder dabei, an der Idee zu arbeiten. Es ist illusorisch anzunehmen, dass eine Software in so einem speziellen Bereich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte gepflegt wird. Das wichtigste Problem – die Daten nach vielen Jahren noch halbwegs lesen zu können, ist nur durch weit verbreitete Standarddatenformate zu lösen. Die Hoffnung ist, dass Archivare in ferner Zukunft zumindest noch Formate wie PDF, WAV, MPG, JPG wiedergeben oder konvertieren können. Für die eigentlichen Daten der Anwendung habe ich mich für ein XML-Format entschieden. Zusammen mit einer Anleitung und Quellcode hoffe ich, dass zumindest ein Teil der Flaschenpost ankommt.

Im Laufe der Zeit hat sich das Projekt verändert und ist gewachsen. Die Begleitung und Dokumentation des choreographischen Prozesses ist ein neuer Akzent geworden, aber auch die Möglichkeit der Integration weiterer Tanzschriften. Leider ruht gegenwärtig die Entwicklung aufgrund der chronischen Unterfinanzierung – hier ist ein Sponsor, Mäzen oder eine Stiftung notwendig, um angesichts der Komplexität wirklich voran zu kommen.