Christian Griesbeck

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Tanz als Reenactment

Was macht man, wenn man nicht gerade Militärdrill und Schlachten nachspielen möchte? Arbeiten, essen, trinken, schlafen – und dann, was noch? – Tanzen! Musik und Tanz war offensichtlich in der ganzen Menschheitsgeschichte sehr beliebt. Und Tanzen vermittelt unmittelbar ein Körpergefühl der jeweiligen Zeit. Aber wie haben die Menschen früher getanzt?

Zum Glück hat sich einiges an Quellen erhalten, aus denen sich Tänze früherer Zeiten rekonstruieren lassen. Je näher man dabei an die Jetztzeit kommt, um so mehr an Quellen gibt es natürlich. Für die Ansprüche des Reenactment sollte man beim Tanzen neben der richtigen Epoche auch das richtige Land und die richtige gesellschaftliche Schicht beachten. Zudem muss man die jeweilige Funktion des Tanzes berücksichtigen – ist er Gesellschaftstanz zur Unterhaltung, dient er der Repräsentation oder ist er Bühnentanz?

Steinzeit, Antike, Mittelalter

Hier die schlechte Nachricht! – Das Wissen, wie die Menschen in der damaligen Zeit getanzt haben, ist leider verloren gegangen. Es gibt keine bekannten rekonstruierbaren Quellen vor der Mitte des 15ten Jahrhunderts. Alles was aus dieser Zeit erhalten ist, sind Abbildungen, gelegentliche Namensnennungen von Tänzen und Textpassagen über Tanzende, die aber keine Rekonstruktion der Schritte ermöglichen. Ein Bild ist leider statisch, Tanz ist Bewegung. In Bildern können wir zwar erkennen, ob es ein Solotanz, Paartanz, Gruppentanz, Reigentanz etc. ist und vielleicht, ob es sich um einen langsamen oder schnellen Tanz handelt, aber leider nicht mit welchen Schritten sie diesen Tanz ausgeführt haben. Und dass ein Name Jahrhunderte später – in dann zeitgenössischen Schriften – auftaucht, heißt leider nicht, dass dieser Tanz sich über Jahrhunderte unverändert erhalten hat.

Wer bei der Darstellung dieser Zeiten tanzt, hat es meist gut erfunden, oder aus späteren Zeiten übernommen. Sehr beliebt bei Mittelaltertanzgruppen sind z. B. die einfachen Tänze von Arbeau (1588 Spätrenaissance) oder Playford (ab 1651 Hochbarock). So lange die Gruppen sauber darauf hinweisen, dass die Tänze aus einer anderen Zeit stammen und Spaß dabei haben, ist das natürlich gut so. Schlecht ist es allerdings, wenn noch nicht einmal der Tanzleiter weiß, woher die Tänze stammen.

Ab Mitte des 15ten Jahrhunderts gibt es immerhin Quellen für Schreittänze aus Frankreich bzw. dem Burgund, sowie aus England und Katalonien. Während in Italien die Renaissance bereits eine Weile in vollem Gange war, fand hier das Spätmittelalter noch ein farbenfrohes Ende. Allerdings fehlt bei den Notationen vielfach die dazugehörige Musik; ist sie vorhanden, fehlen die Notenlängen. Zudem fehlen Informationen über Raumwege sowie zum Ausführen einiger Schritte und deren Timing.

Renaissance (ca. 1400-1600)

Die ersten rekonstruierbaren Tanzquellen der Renaissance stammen aus Italien, ab Mitte des 15ten Jahrhunderts von Domenico da Piacenza („De arte saltandi et choreas ducendi“) sowie seinen Schülern Antonio Cornazzano und Guglielmo Ebreo. Weitere Quellen in ähnlichem Stil stammen aus Frankreich bzw. dem Burgund sowie aus England und Katalonien. Nicht alle Quellen sind hier so genau, dass man aus jeder einzelnen, für sich genommen, die Tänze rekonstruieren könnte. Oft muss man Wissen aus anderen Quellen übernehmen und viel hinzufügen. Die Quellen für den Stil des 15ten Jahrhunderts reichen von ca. 1445 bis 1520.

Eine zweite Anhäufung von Tanzquellen der Renaissance stammt ebenfalls aus Italien, nun gegen Ende des 16ten Jahrhunderts von Fabritio Caroso mit dem Buch „Il Ballarino“ (1581) und Cesare Negri mit dem Buch „Le Gratie d’Amore“ (1602). Ihre Art zu tanzen ist deutlich verschieden von den früheren Quellen und ist technisch schon recht anspruchsvoll.

In Frankreich erschien vom Domherr von Langres unter dem Pseudonym Thoinot Arbeau etwa zur gleichen Zeit ein Buch „L'Orchésographie“ (1589) mit französischen Tänzen. Arbeau führt als erster eine Art Notation ein, in dem er den beschreibenden Text mit den Noten verbindet. Er betont, dass die alten Tänze nicht mehr bekannt sind und auch bald die Tänze seiner Zeit vergessen sein werden, weil im Tanz immer nach Neuem gestrebt wird.

Für die Tänze der Renaissance haben wir also ein örtlich und zeitlich beschränktes Repertoire. Zudem stammen alle Quellen aus dem höfischen Umfeld. Und die ersten Quellen waren handschriftliche Manuskripte, fanden also keine weite Verbreitung. Eine tanzende Reenactmentgruppe würde also für ihre Darstellung idealerweise den Ort, die Zeit und die dargestellte Schicht nach einer erhaltenen Tanzquelle wählen. Realistisch ist das meist nicht der Fall, auch hier sollte dann zumindest klargestellt werden, dass man z. B. aus Ermangelung einer deutschen Quelle tanzt wie in Italien oder Frankreich dieser Zeit.

Barock (ca. 1600-1750)

Im Barock häufen sich die Quellen zum Tanz. Gegen Ende des Barocks wird sogar ein komplexes Symbolsystem für den Tanz erfunden und weit verbreitet angewendet, mit dem wir die Tänze recht präzise rekonstruieren können. Aber auch hier ist leider nicht alles Gold, was glänzt. Der König tanzt – und wir wissen nicht exakt, wie! Es gibt vereinzelte Quellen aus dem Frühbarock und dann jahrzehntegroße Lücken. Erst mit der Publikation der Beauchamp-Feuillet Notation 1700 in dem Buch „Chorégraphie, ou l'art de décrire la danse par caractères, figures et signes démonstratifs“ wird die Produktion von Tanztraktaten für einige Jahrzehnte heftig angeregt. Wir haben hier eine Fülle von erhaltenen Solo- und Paartänzen. Frankreich wird zu einem Mittelpunkt des Tanzes mit seinem epocheprägenden Stil, der in ganz Europa kopiert wird. Dabei wird der Stil jedoch lokal in einer von jedem Tanzmeister leicht abgewandelten Form unterrichtet.

In England setzt ab Mitte des 17ten Jahrhunderts mit der Publikation des Musikverlegers John Playford mit dem Buch „The English Dancing Master“ eine Erfolgsreihe mit weit verbreiteten Tanzbüchern ein. Das neue an diesen Tänzen ist, dass sie von mehreren Paaren gleichzeitig getanzt werden können und dass sich die Bücher an eine neue Leserschaft richten: „the Gentlemen of the Innes of Court“. Die beschriebenen Tänze waren so populär, dass sie sich von England nach Frankreich und von dort über ganz Europa verbreiteten. Allerdings sind im „Dancing Master“ nur die Abfolgen von Tanzfiguren niedergeschrieben. Wie diese Tanzfiguren zu tanzen sind, war damals als bekannt vorausgesetzt. Diese Kenntnis musste bei der Rekonstruktion aus anderen Quellen zusammengetragen werden.

Das frühe Barock stand noch den Tänzen der Renaissance sehr nahe. Dann folgt eine Zeit, in der wir keine rekonstruierbaren Tänze haben. Im späten Barock haben wir ein breiteres Repertoire. Überliefert sind Tänze der Oberschicht, des Theaters und des Hofes. Wie die breite Masse der Menschen in der Zeit tanzte, wissen wir nicht, auch wenn die Choreographen immer wieder ländliche Tänze als Charakterelement oder Parodie in Stücke eingebaut haben. Hier hat man als tanzende Reenactmentgruppe schon eine recht große Wahl an Tänzen. Allerdings sind die französischen Solo- und Paartänze des späten Barocks das technisch Anspruchsvollste, was der Historische Tanz zu bieten hat. Sie richten sich schließlich an Profis oder Laien der damaligen Zeit, die in der Regel täglich mehrere Stunden getanzt haben.

Einfacher zu realisieren sind die Englischen Tänze, selbst wenn sie mit französischen Schritten getanzt werden. Hier ist nur ein beschränktes Schrittrepertoire zu erlernen, und durch die Wiederholungsstruktur einer Abfolge von Figuren muss man sich nicht allzu viel merken. Das heißt nicht, dass man hier an der Perfektionierung der Technik sparen sollte. Dabei sollte man immer auf die jeweiligen Modetänze achten. Die letzte Ausgabe des „Dancing Master“ (Playford, Sohn und Nachfolger) wurde 1728 Publiziert. Vieles aus den früheren Ausgaben ist schon viel eher aus der Mode gekommen.

Rokoko (ca. 1730-1789)

Im Rokoko wurde die Aufspaltung zwischen dem Bühnentanz, mit immer virtuoser werdenden Berufstänzern, und einfacheren Tänzen für den Ballsaal weiter verstärkt. Das Menuett hatte in der Form des Z-Menuetts als virtuoser Paartanz eine zentrale Stellung. Es liefert mit einer festen Raumstruktur einen Rahmen in der mit improvisierten Schrittabfolgen technisch alles aufgeboten werden kann, was der Tänzer zu bieten hat. Die Zeitstruktur wird nun dabei mit Führen und Folgen gelöst, das Erlernen einer festen Choreographie war nicht mehr notwendig. Aber die einfacheren „Contredanses“ waren die beliebtesten Tänze der Zeit, denn hier können alle mittanzen. In vielen Büchern und Sammlungen sind sie zu finden, beispielsweise von Landrin oder La Cuisse „Le répertoire des bals“ (1762). Die Tanzschrift „Chorégraphie“ geriet zunehmend außer Gebrauch, auch wenn Feldtenstein noch 1767 ein Buch über sie veröffentlichte. Zur Niederschrift der „Contredanses“ reichte eine stark vereinfachte Notation.

Als tanzende Reenactmentgruppe kann man auf ein breites Repertoire an „Contredanses“ zurückgreifen. Selbst Nationaltänze sind aus der Zeit überliefert. Dabei sollte man aber angesichts der breiten Basis immer darauf achten, dass sich keine in dieser Zeit schon aus der Mode gekommenen Tänze einschleichen.

Von der französischen Revolution zum Empire (1789-1815)

Das Menuett verliert an Bedeutung, so mancher gute Menuetttänzer seinen Kopf, und es gerät schließlich völlig in Vergessenheit. Die beliebteste Tanzform der Zeit ist die Anglaise, nicht nur bei Jane Austen. Diese Gassentanzform mit Progression trifft offensichtlich den egalitären Geist der Zeit. Daneben wird die Quadrille eine weitere Lieblingstanzform, insbesondere weil man hier oft den Walzerrundtanz als Abschlussfigur wählt. Der Walzer feiert Erfolg um Erfolg und sticht die anderen Tanzformen aus. Allen Widersachern zum Trotz, die in ihm, mit der engen Körperhaltung und den schwindelerregenden Drehungen, die Verkörperung des Sittenverfalls sehen. Mit der Douze und der Seize sind weitere Formen beliebt, die im Kreis oder Quadrat getanzt werden. Der einzelne Tanz zieht sich mit unzähligen Touren deutlich in die Länge.

Für das Reenactment kann man auf eine breite Quellenbasis zurückgreifen. Für eine Aufführung oder auch schon für das reine Tanzen wird die Länge der Tänze problematisch, wer möchte schon 40 Touren sehen oder tanzen? Die Anglaise wurde in der Zeit üblicherweise vom ersten Mann erklärt und eröffnet; zunächst tanzte nur das erste Paar und es zieht sich, bis alle ans Tanzen kommen. Vielfach wurde sich beschwert, dass am Ende der Gasse die Paare einfach aufhörten zu tanzen und weggingen, statt die Gasse wieder hinauf zu tanzen.

Biedermeier (1815-1848)

Die Anglaise verliert an Bedeutung, sie wird durch die schnellere Ecossaise und die progressionslose Française ersetzt. Der beliebt werdende Contredanse bezeichnet nun eine Quadrilleform, in der zunächst die Kopfpaare tanzen, dann die Seitenpaare. Hier werden auch zum ersten Mal die Figurfolgen definiert, die wir heute meist unter „Fledermausquadrille“ finden. Ein neues Phänomen sind die bis ins 20ste Jahrhundert beliebten Cotillons – typisch sind hier Tanzspiele und Requisiten die eine neue Industrie begründen. Die Einzelpaartänze Walzer, Polka und Galopp feiern ihren Siegeszug.

Für eine aufführende Reenactmentgruppe bleiben sicherlich die Gruppentänze die Attraktivsten. Für einen Ball wird man wohl ein Problem damit haben, einige spezifische Zutaten für die Cotillons zu besorgen.

Zweite Hälfte des 19tes Jahrhundert (1850-1900)

Auf den Bällen der Zeit werden die Einzelpaartänze ein Zentralelement. Der Walzer bleibt unverwundbar, daneben die Polka in verschiedenen Formen und der Galopp. Es werden verschiedene Modetänze eingeführt, z. B. bleibt der Rheinländer sehr lange beliebt. Als Tanzspiele bleiben Cotillons mit ihren vielen Variationen zeitaufwendig und beliebt. Es wurde auch immer mal wieder versucht, das Menuett wieder zu beleben (z. B. mit dem „Le Menuet de la cour“). Als feste Figurentanzfolge haben sich die „Française“ und die „Quadrille à la cour“ („Les Lanciers“) durchgesetzt. Eröffnet wurden Bälle gerne mit einer Polonaise, die Alle einbezog.

Ein Ball der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts ist für eine Reenactmentgruppe ein gutes Spielfeld. Insbesondere die Cotillons, die „Française“ und „Les Lanciers“ haben Showwert.

Das 20ste Jahrhundert

Viele der Tänze des 20sten Jahrhunderts werden heute nach wie vor getanzt. Andere habe sich nur eine Saison gehalten. Jede Zeit hatte ihre charakteristischen Modetänze. Eine Unzahl von Tanzlehrbüchern geben uns hier guten Aufschluss. Zudem gibt es als neue Quelle den Film.

Als Reenactmentgruppe hat man angesichts der Fülle des Materials das Problem, zeitlich präzise zu sein – z.B.: Wann genau wurde eine Figur im Paartanz zum ersten Mal eingeführt? Bis wann hat man einen bestimmten Modetanz noch getanzt?

Fazit

Es besteht kein Grund, vom Mittelalter bis ins 19te Jahrhundert immer die gleichen Tänze aus der Sammlung Playford zu tanzen. Selbstverständlich, je näher man an die Jetztzeit kommt, desto besser wird die Quellenlage. Ein Problem ist das für uns hohe Level, das die einzelnen Tänze fordern.