Christian Griesbeck

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Start Reenactment Kostüme

Kostüme für das Reenactment

Statt von Kostümen sprechen einige Leute gerne von „Gewandung“. Das soll ihre Kleidung etwa vom Fasching, dem Theater und anderen Verkleidungsaktivitäten abheben. Akademisch ist der Begriff Kostüm aber genau richtig. Und so verschieden von „Verkleideten“ sind „Gewandete“ in der Regel auch nicht. Das erste Reenactment ist vielleicht schon das „Cowboy und Indianer“ Spiel der Kindheit, die „Prinzessin und der Prinz“ oder was gerade sonst an Kostümen populär ist. Vielleicht kommt ja ein Sachbuch über den „Wilden Westen“ hinzu und nicht gerade Karl May, vielleicht ein Dokumentarfilm und kein Western. Und der kleine Cowboy beschäftigt sich damit, wie es wirklich war.

Für Reenactment sind die Ansprüche natürlich letztlich höher. Im Idealfall ist das Kostüm eine exakte Reproduktion eines erhaltenen Originals, das genau zu dem Zeitpunkt, dem Ort und der Rolle, die dargestellt wird, passt. Oder noch idealer ist, falls genug Originale erhalten und noch tragbar sind, natürlich ein zeitgenössisches Originalkostüm. Leider ist diese Quellenlage eher selten gegeben. Dann hilft nur eine möglichst genaue Recherche, ein kritischer Blick auf viele Abbildungen und Ähnliches aus der Zeit. Manchmal gibt es Schneiderbücher aus der Zeit, die Aufschluss über Schnitt und Technik bringen. Oder Vorschriften und Kleiderordnungen (an die sich selten gehalten wurde); selbst Inventarlisten, Testamente, Briefe etc. bieten viele Informationen.

Ein guter Aufbau beginnt bei der zeitgenössischen Unterwäsche. Schon hier ist gründliche Recherche angesagt, um nicht auf Mythen hereinzufallen. Dabei erlebt Mann und Frau oft Überraschungen und Aha-Erlebnisse. Um Beispiele aus meiner Hauptzeit, dem Barock und Rokoko zu geben: Wie bringt man das lange Männerhemd in der Hose unter? Wie ist das mit der Unterhose? Wie werden die Strümpfe befestigt? Trugen alle Frauen eine Schnürbrust? Kann man darin überhaupt atmen? Ist das nicht schrecklich unbequem? Ohne den passenden Unterbau fehlt im wahrsten Sinne des Wortes das Fundament! Die Kleidung fühlt sich dann völlig anders an und verhält sich anders.

Hat man den passenden Unterbau, der nebenbei die Oberkleidung vor den Körperausdünstungen schützt, kann man damit beginnen, die Oberkleidung aufzubauen. Es wird dann Schicht um Schicht übereinandergefügt und zusammengesetzt. Eine historisch gut aufgebaute Kleidung vermittelt recht direkt das Körpergefühl und den Bewegungsspielraum der Menschen der damaligen Zeit. Dabei gibt es oft praktische Details und interessante Wege, Dinge zu machen.

Ein großes Problem ist es, die passenden Materialien zu finden, wenn man Kostüme nachschneidern will. Heute werden z. B. Garne wie Leinen und Seide gerne künstlich mit Knötchen versehen, um den Eindruck zu erwecken: „Echtes Leinen“ oder „Wildseide“. Was heute als besonders hochwertig vermarktet wird, wäre früher wohl eher minderwertige Ausschussware. Stoff war lange Zeit aufwendig herzustellen und extrem teuer. Dafür hatte er eine Qualität, die sich mit modernen Maschinen nicht ohne weiteres erreichen lässt. Heute gibt es eine sehr große Materialvielfalt und in ihrer Weise fantastische Stoffe. Doch die Suche nach dem passenden Stoff ist oft wie die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen.

Hat man diese Hürde genommen, braucht man noch einiges an Wissen, ein gewisses Maß an Handfertigkeit und vor allem viel Geduld. So ist die Schneiderei z. B. vor und nach Erfindung der Nähmaschine recht verschieden und die Möglichkeiten bestimmte Dinge zu tun. Vor allem sollte man mit den Arbeiten rechtzeitig und in Ruhe beginnen. Nichts ist schlimmer, als Kostüme, die in Panik auf ein bestimmtes Event hin geschaffen wurden. Aber das ist leider bei Kostümen oft der Fall.

Am Ende beginnt die Zeitreise beim Ankleiden. Historische Kostüme sind eine Art real existierender Zeitmaschinen. Man fühlt sich anders, bewegt sich anders, gibt sich anders. Kann es eine bessere Belohnung für all den Aufwand geben?