Christian Griesbeck

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Herr Rokoko c. 1765

Mein Rokokokostüm war das erste Kostümprojekt, das ich 2008 in Angriff genommen hatte. Begonnen hat alles damit, dass ich Ende 2007 endlich eine Gruppe für Historischen Tanz in der Umgebung gefunden hatte. Klar brauchte ich Kostüme, schon allein deshalb, weil mich das Leihkostüm, was ich Ende 2007 getragen hatte, nicht sonderlich überzeugte. Auf eBay hatte ich auch nichts brauchbares zu eine akzeptablen Preis gefunden – also selber machen. Ich hatte 2007 in der lokalen Uni-Bibliothek nach Kostümbuchern recherchiert und das Glück gehabt, gleich auf die beiden einschlägigsten Autorinnen zu treffen – Janet Arnold und Norah Waugh.

Aber man muss ja erst einmal klein anfangen. Gut, als erstes dachte ich, brauche ich ein Jabot – einfach zu machen, vielleicht findet sich eine Anleitung im Internet, wie das historisch korrekt zu machen ist. Ich stolperte bei der Recherche über die wohl beste deutschsprachige Kostümseite marquise.de, die mir erst einmal erklärte, dass das Halsband mit Lätzchen, was viele Gruppen (auch die frisch gefundene) tragen, in die Damenmode des 19ten Jahrhunderts gehört und das echte Jabot eine Rüsche am Brustschlitz des Herrenhemds war.

Praktischerweise lieferte die Seite auch gleich eine Anleitung nach „L'art du tailleur“ von Garsault aus den 1760ern, wie man ein Herrenhemd herstellt. Der Anfang meines ersten Nähprojekts war geboren. Als Stoff verwendete ich einen sehr feinen Halbleinen, den ich auf eBay erstanden hatte. Echter Leinen, der so fein und dünn ist, dass er sich für Hemden eignet, ist leider recht teuer und heute nur selten zu finden – die Stoffhersteller machen da lieber auf „Bauernlook“. Ich musste den Stoff noch bleichen, weil er noch im „Naturton“ belassen war.

Zum Zuschneiden der benötigten viereckigen Stoffstücke verwendete ich die Fadenziehmethode, die ich für diesen Zweck neu erfand – später habe ich gesehen, dass man das üblicherweise so macht – ist ja auch naheliegend. Das Hemd habe ich in einer Woche komplett mit der Hand genäht. Alle Nähte sind Kappnähte und mit einem Rückstich genäht. So ist alles schön versäubert und das Hemd wird sehr strapazierfähig. Nur das Einsetzen des Jabots in den Brustschlitz wurde leider nicht erklärt. Auch beim Einsetzen der Keile unten am Hemd hatte ich Fehler gemacht. Der blödeste Fehler war sicherlich, dass ich einen Ärmel verkehrt herum eingesetzt hatte und die Naht noch einmal auftrennen durfte. Ja – Übung macht den Meister, aber für den ersten Nähversuch sicherlich nicht schlecht.

Nach dem Hemd wollte ich rechzeitig zu meinem ersten Auftritt mit der Gruppe noch meinen dreiteiligen Anzug mit Kniehose („Culotte“), Weste („Veste“) und Rock („Juste-au-corps“) fertig stellen. Ich hatte mir einen Schnitt aus Norah Waugh: „The Cut of Men's Clothes: 1600-1900“ ausgesucht, den ich umsetzen wollte. Das Originalkostüm stammt aus der Zeit um 1765 und ist eigentlich aus malvegrauem Wollstoff. Es ist ein typisch einfaches englisches Kostüm, das ein Mann der Zeit getragen hat, wenn er auf Reisen war. Ich hatte noch keinen passenden Wollstoff gefunden, aber ich wollte ohnehin erst einmal einen Prototypen machen. Auf eBay hatte ich 9 Quadratmeter eines Dekostoffes ersteigert. Natürlich mit einer Polyester-Baumwollmischung alles andere als authentisch; auch die durchgängige Bestickung passt nicht so 100% in die Zeit. Aber der Stoff hatte etwas, ich mochte ihn.

Der Schnitt besteht aus vielen Einzelteilen. Um mir ein Bild zu machen, habe ich erst einmal alles ausgedruckt und ein Papiermodell gebastelt.

Der erste Schritt war das Vergrößern des Schnittmusters. Das habe ich auf dem Computer mit einem Graphikprogramm und der Posterfunktion meines Druckers gemacht. Die vergrößerten Teile wurden ausgeschnitten und auf einen billigen Futterstoff übertragen – ich begann mit Hose und Weste. Zusammengenäht habe ich alles mit einer frisch erstandenen Mininähmaschine.

Ich probierte den ersten Prototypen an, maß die notwendigen Änderungen aus, machte einen zweiten Prototypen von Weste und Hose aus dem gleichen Stoff. Dass passte dann alles schon sehr gut. Einen Prototypen für den Justeaucorps hatte ich allerdings nur halb gemacht und angepasst. Mit den Schnittmustern und dem Stoff ging es dann zu meiner Mutter, denn die hatte eine richtige Nähmaschine und mehr Näherfahrung als ich. Es musste ja schnell gehen und gemeinsam ist es wesentlich einfacher, die großen Teile anzuzeichnen. Auch eine größere Waschmaschine als meine war bei der Stoffmenge von Vorteil. So wurde gewaschen, kampfgebügelt, angezeichnet und zusammengenäht – als erstes das Futter, denn das wollte ich sicherheitshalber noch einmal nach den letzten Änderungen anprobieren. In der Tat entschieden wir uns, die Ärmel noch etwas weiter zu machen und das Ärmelloch zu vergrößern. Beim Justeaucorps haben wir sogar noch etwas an Umfang zugegeben, damit er sich auch wirklich schließen lässt – es existierte ja vorher nur ein vager Prototyp. Dann ging es an das Ausschneiden des Oberstoffs – mit einem Muster ist das schon aufwendig. Die Taschen sollten perfekt mit dem Muster übereinstimmen und auch der Musterverlauf von Weste und Justeaucorps sollten im geschlossen Zustand stimmen.

Die Taschen waren das erste, was ich mit Dekoration versehen hatte. Sie besteht aus einer Kordel, die mit goldfarbenen Metall umspunnen ist und die doppelt aufgenäht wird. Während ich die Dekoration machte, arbeitete meine Mutter weiter an der Nähmaschine. Bei dem ganzen Zeitaufwand wurde langsam klar, dass es nicht rechzeitig zum gewünschten Termin zu schaffen war. Zumal ich nach Möglichkeit auch die Außennähte als Handnähte haben wollte – später habe ich alle Maschinennähte noch einmal mit der Hand nachgenäht. Wir brachen das Projekt erst einmal ab, und ich nahm einige Kleinteile zum Dekorieren mit nach Hause, während sich die großen Kleidungsteile bei meiner Mutter aushängen durften. Später habe ich dann alles mit nach Hause genommen, um es alleine fertig zu stellen.

Für den Auftritt im Mai 2008 habe ich dann nur mein „echtes“ Rokokohemd unter dem ungeliebten Leihkostüm tragen können – immerhin etwas – kein falsches Jabot, und ein Anfang war gemacht. Zum nächsten Auftritt im September wollte ich dann mein Kostüm fertig haben, aber ich hatte mich nachträglich entschieden, für den Justeaucorps einen dreischichtigen Aufbau zu machen, damit er schwer und steif wird – ein erheblicher zusätzlicher Aufwand, wenn man das einflickt. Dann habe ich kurz vor dem Auftritt erfahren, dass wir nicht nur Playford Tänze machen, sondern vornehmlich auch Renaissance – also falsches Kostüm – erst einmal ein anderes.

Als letztes Element habe ich noch die passende Halsbinde der Zeit genäht. Der Schnitt entstammt dem Buch von Linda Baumgarten „Costume Close-Up - Clothing Construction and Pattern, 1750-1790“. Eigentlich wollte ich 42 winzige Fältchen machen, es wurden dann aus Platzmangel leider nur 35 Falten auf 6 cm, so das Jede im Schnitt 1,7 mm breit ist. Jede einzelne Falte ist wie der ganze Rest der Halsbinde per Hand genäht – insgesamt habe ich 24 Stunden für das Teil gebraucht. Die Schnalle hatte ich mir bereits zuvor zusammen mit den Knieschnallen für die Hose in Amerika besorgt.

So wurde es dann schließlich Anfang 2009, bis ich meinen besseren Prototypen fertiggestellt hatte. Denn das Kostüm ist nur ein Prototyp, auch wenn es durchaus gelungen und in reger Verwendung ist. Der Stoff stimmt noch nicht und am Aufbau lassen sich noch Kleinigkeiten verbessern. Zusätzlich werde ich noch die passende Unterhose und die passenden Strümpfe nach dem Buch von Linda Baumgarten fertigen. Wann ich aber Zeit finde, das ganze Kostüm noch einmal mit den richtigen Materialien zu machen, steht in den Sternen – immerhin vorhanden sind die Materialien inzwischen.