Christian Griesbeck

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Herr Renaissance c. 1560

Nachdem ich für einen Auftritt im September 2008 kurzfristig erfahren hatte, dass statt Barock-/Rokokokleidung ein Kostüm für die Renaissance gefragt war, hatte ich mein anderes Kostümprojekt erst einmal auf Eis gelegt und mich um mein schon geplantes Renaissanceprojekt gekümmert. Alles, was ich zum Auftritt dann in einer Nacht noch geschafft hatte, war ein handgenähtes Barett nach Janet Arnolds „Patterns of Fashion“ Buch. Ansonsten musste ich mit meinem Barockhemd, einer Jogginghose und einem geliehenen „Lätzchen“ auftreten. Grund genug, um schnell nach besserer Kleidung zu streben.

Das Renaissancekostüm, das mich faszinierte, war ein erhaltenenes Kostüm aus Schweden. Es ist die Kleidung die Svante Sture am 24. Mai 1567 trug, als er zusammen mit seinen beiden Söhnen ermordet wurde. Die Witwe hat die Kleidung der Drei in einer eisernen Kiste neben den Gräbern in der Kathedrale von Uppsala aufbewahrt. Später wurden sie aus der Kiste geholt und dort über Jahrhunderte ausgestellt – was der Kleidung nicht zuträglich war. Schön für uns, dass wir sie durch den Tag der Ermordung recht genau datieren können. Sie sind meines Wissen die einzig erhaltenen Stücke im Stil der „deutschen Mode“, der Zeit mit Pluderhosen. Grund genug für mich wissen zu wollen, wie sich die Kleidung der Zeit angefühlt hatte.

Janet Arnold hat praktischerweise in ihrem „Patterns of Fashion“ Buch die Kostüme von Svante Sture sowie seinen Söhnen Erik und Nils detailliert beschrieben. Ihr Schnittmuster war später die Basis für meinen eigenen Schnitt.

Der erste Schritt zu dem Kostüm war allerdings das passende Hemd. Ich probierte diesmal die Anleitung aus Ninya Mikhaila, Jane Malcolm-Davies: „The Tudor Tailor“ aus. Eine Woche für ein Hemd war mir dann doch zu lange, ich kombinierte hier bei den Kappnähten nun Maschinennähte mit Handnähten. Das Hemd war nach zweieinhalb Tagen fertig, das lag nicht nur an der Nähmaschine. Beim zweiten Mal ist es natürlich einfacher und geht schneller.

Ich hatte aus meinem anderen Projekt gelernt, der Prototyp sollte schneller fertig werden. Diesmal sparte ich mir die ersten Prototypen aus Stoff, ich klebte die vergrößerten Schnittmuster zusammen und probierte das Papiermodell an. Die Hose saß sofort perfekt, den Wamst musste ich noch bearbeiten. Dann machte ich einen Prototypen aus dem Futterstoff, den ich anprobierte. Ich hatte mir inzwischen auch eine richtige Nähmaschine angeschafft, mit der die Arbeit schneller von der Hand ging. Eigentlich wollte ich diesmal soviel wie möglich mit der Maschine machen – es ist ja nur ein Prototyp. Tja, nur habe ich dummerweise die Dekoration per Hand aufgesetzt. Das schluckte dann die meiste Zeit und sorgte dafür, dass ich zu einem anstehenden Renaissancetanzfest das Kostüm nicht fertig bekam. Ich hätte zwei Tage mehr gebraucht. Schade, so hatte ich dann ein umgearbeitetes Theaterkostüm an, dass sich auch nicht so richtig an irgendetwas hielt. Immerhin, meine passendem Schuhe wurden dabei eingeweiht. Fertig wurde der Prototyp dann für einen Auftritt kurze Zeit später – diesmal hatte ich vorgesorgt – kein Lätzchen mehr. Nun nicht ganz fertig, ich musste noch ein paar Nestellöcher machen, mit denen Hose und Wamst verbunden sind.

Inzwischen habe ich den Prototypen oft genug getragen, leider ist er mir etwas bunt geraten. Zeit, dass daraus ein richtiges Kostüm wird. Dummerweise fehlt mir der echte Seidensamt – so etwas ist kaum noch zu bekommen, immerhin habe ich einen brauchbaren Samt aus einer Seidenviskosemischung, der aber leider recht knapp bemessen ist.

Aus den Trageerfahrungen mit dem Prototypen habe ich gelernt und noch einmal einen neuen Prototypen des Wamst gefertigt, mit dem ich nun zufrieden bin. Außerdem habe ich mich an einer Venezianischen Hose versucht, etwas Variation kann ja nicht schaden.

Was ich noch zusätzlich machen werde, wenn ich am endgültigen Kostüm arbeite, wird die zeitgemäße Form der Strumpfhose sein. Im deutschen Strumpfmuseum habe ich eine Abbildung gefunden – das sind lange (aus Stoff genähte) Seidenstrümpfe, die an einer Unterhose angenäht sind.