Christian Griesbeck

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Dame Rokoko Jäckchenkostüm

Die Kombination aus einem Jäckchen und einem Rock war, als etwas weniger formelle Alltagskleidung, bei den Damen im ganzen 18ten Jahrhundert sehr beliebt. Es gibt eine Reihe von erhaltenen Jäckchen aus der Zeit. Leider gibt es nicht allzu viele Bilder, die uns diese Kombination zeigen – wenn man sich malen ließ, zog man natürlich seine besten Kleider an. Sehr berühmt ist hier aber das Bild des „Schokoladenmädchens“ von Jean-Étienne Liotards aus dem Jahr 1744. Etwas ähnliches möchte Carola als „Outdoor“ geeignetes Kostüm haben.

Eigentlich ist dies keines von meinen eigenen Kostümprojekten, denn Carola will dieses Kostüm diesmal komplett selber nähen. Allerdings habe ich wieder die Aufgabe, den Schnitt an ihre Maße anzupassen. Und ich mache das, indem ich erst einmal einen Prototypen anfertige und dabei wieder einiges an Schnitten und Nähtechniken ausprobiere. Vielleicht biete ich ja doch einmal irgendwann einen VHS Kurs im historischen Nähen an, da kann mehr Erfahrung nicht schaden. Prototyp ist natürlich etwas tiefstaplerisch, wie man im Folgendem sehen wird – es ist ein recht umfassendes, voll tragbares Komplettkostüm mit 12 Einzelteilen geworden.

Das Jäckchen

Alles begann mit einem gekauften Schnitt von J.P. Ryan: „A Fine Collection of 18th Century Jackets for undress wear“. Janice Pence Ryan ist eine amerikanische Schnittmusteranbieterin, die sich auf die zweite Hälfte des 18ten Jahrhunderts spezialisiert hat und meist gute Kritiken für ihre Schnitte bekommt. Bei ihren Schnitten muss man sich allerdings beim Kauf gleich auf eine Größe festlegen, was in diesem Fall nicht ganz einfach war. Wir haben dazu bei der Anbieterin extra per eMail nachfragen müssen. Unter dem fertigen Jäckchen soll eine Schürbrust getragen werden, allerdings ist ihre Größentabelle für die natürlichen Körpermaße ohne Schnürbrust gedacht. Wie das nachher passen soll, blieb uns ein Rätsel (und wird wohl immer ein Rätsel bleiben), denn aus den Körpermaßen ohne Unterbau kann man schlecht auf die späteren Körpermaße mit Unterbau schließen. Folglich gibt es hier leider nur einen Weg: ausprobieren und anpassen.

Als ich mir die Anleitung dann durchgelesen hatte, wurde ich noch zusätzlich stutzig. Zwar schreibt sie großspurig: „In recreating historic garments it is important to remember that the sewing machine was not invented until the mid-19th Century. Therefore, any stitching that will show should be done by hand.” Aber dann baut sie das Kostüm komplett nach der modernen Methode auf. Sprich: nähe das Futter komplett, nähe den Außenstoff komplett, nähe sie dann rechts auf rechts aneinander und wende sie. So hat man damals (zumindest in der Damenbekleidung) in der Regel allerdings nicht gearbeitet. Weiter unten zeige ich, wo dabei das Problem liegt. Aber da es sich um einen Prototypen handelt, habe ich mich zunächst an ihre Anleitung gehalten.

Als Schnitt zum Feststellen der passenden Größe habe ich die einfachste geschlossene Variante aus dem Schnittpaket gewählt. Hinten läuft das Jäckchen dabei spitz aus und durch die Ärmelform passt es am besten in die Zeit ab 1770. Als Material habe ich zwei ehemalige Vorhänge gewählt, die ich einmal als Stoff für Prototypen auf eBay erstanden habe. Das Obermaterial ist bedruckte reine Seide, die mit einem metallumsponnen Baumwollfaden per Kurbelstickerei bestickt ist. Das war mal ein Luxusvorhang von JAB, der in einer Berliner Villa hing. Eigentlich ein hübscher Stoff, aber das Muster ist leider etwas zu modern und das Besticken hätte man damals so nicht gemacht. Außerdem ist bedruckte Seide natürlich eher unüblich für die Zeit. Üblicher war damals ein ähnlich aussehendes Material – bedruckter Chintzstoff (feine wachsüberzogene Baumwolle, die Seide imitierte). Die verwendete Seide hat allerdings den entscheidenden Vorteil, dass man den Schnitt direkt auf sie durchpausen kann, so spart man sich das Übertragen auf Seidenpapier. Genäht wird laut der Anleitung wie gesagt modern, schnell mit der Nähmaschine. Einzig die Ärmel werden am Schluss an der Manschette per Hand geschlossen. In ihrer Anleitung wird allerdings über ein Loch am unteren Rücken gewendet. Warum sie das macht, erschließt sich mir aber dabei nicht, so lange die Ärmel auch noch offen sind – ich habe jedenfalls durch einen Arm gewendet.

 

Das große Problem an dieser modernen Methode ist, dass Futter und Oberstoff frei gegeneinander verrutschen können, das Futter wird dabei leicht über die Außenkanten des Kleidungsstücks sichtbar. Normalerweise behilft man sich hier mit Bügeln, aber bei einem Kleidungsstück, das eng auf den Körper gezogen wird, rutscht das Futter zwangsläufig immer wieder raus. Das ist unschön und unbefriedigend.

Bei vielen historischen Kostümen sind Futter und Oberstoff an allen Nähten miteinander verbunden. Die Außennähte werden zum Schluss geschlossen, indem man die jeweilige Nahtzugabe gegeneinander faltet und miteinander vernäht. Man faltet den Rand dabei so, dass der Oberstoff das Futter leicht überlappt. Das führt dazu, dass der Oberstoff stabil das Futter verdeckt, nichts kann mehr verrutschen. Der Vergleich oben links modern und rechts historisch zeigt das Problem sehr schön. Ich habe das dann nach der ersten Anprobe korrigiert, indem ich die Seitennähte nachträglich per Hand unsichtbar miteinander vernäht habe. Dann habe ich die Ärmeleinsätze mit einem Pünktchenstich durch alle Schichten fixiert und alle Außennähte nachgenäht. Später habe ich dann allerdings festgestellt, dass ich beim Futter die Ärmel seitenverkehrt eingesetzt hatte – das Schnittmuster gibt leider keine Hinweise, wie herum richtig ist. Also musste ich noch einmal viele Nähte auftrennen und neu zusammennähen.

Der Rock (Jupe)

Ich habe auch gleich aus dem Oberstoff noch einen passenden Rock genäht. Der Schnitt für einen Rock in der Zeit ist recht simpel.

Man näht ein paar Bahnen Stoff zu einem Schlauch zusammen und lässt dabei oben auf beiden Seiten einen versäuberten Schlitz, um an die Taschen zu gelangen. Dann fasst man die beiden oberen Lätzchen mit feinen Fältchen jeweils in ein Bindeband ein – das sieht dann aus wie zwei aneinandergenähte Schürzen. Genau so wird der Rock dann um den Körper gebunden – eine Schleife vorne, eine Schleife hinten. Allerdings müsste, wenn man dem historischen Originalen folgt, der Rock dabei so in das Bindeband abgesteckt werden, dass am Boden eine gerade Stoffkante entsteht. Einfacher (modern) ist es, oben gerade einzunähen und dann unten abzustecken. Da ich faul war und es sich nur ein Prototyp handelt, habe ich den Stoff nur in die Bindebänder gerafft, statt ihn in Falten zu legen. Das Nähen mit der Maschine ist dabei ein ziemlicher Blindflug, so dass die Innennaht zum Teil schief geworden ist.

Der Unterbau

Aber was trägt man unter diesem Kostüm? Klar, eine Chemise (das Unterhemd der damaligen Zeit) und eine Schnürbrust (so nannte man damals das Korsett). Aber die Damen trugen in der Zeit meist auch etwas, um die Hüften zusätzlich zu betonen. Im Fall der Jäckchen bevorzugte man scheinbar eine hohe runde Form. Diese Form wurde wie zuvor in der Renaissance vermutlich durch eine Hüftrolle erreicht oder wie später im Biedermeier durch mehrere Unterröcke. Sehr praktisch für eine Dame in der Zeit waren auch die umgebundenen Taschen, die durch einen seitlichen Schlitz in der Kleidung zu erreichen waren.

Die Chemise (Unterhemd)

Das Unterhemd in dieser Form war über Jahrhunderte hinweg das unterste Kleidungsstück der Frau. Die typische Länge reichte von kniebedeckend bis zur Mitte des Unterschenkels umspielend, war aber keineswegs bodenlang, wie man in Filmen immer mal sieht. Seine wesentliche Aufgabe war es, alle darüberliegenden Kleidungsstücke vor den Körperflüssigkeiten zu schützen. Es wird unter maximaler Stoffausnutzung aus Vierecken und Keilen zusammengesetzt. Es gibt dabei verschiedene Varianten, wie hoch der seitliche Keil angesetzt wird, und verschiedene Ärmelformen, aber das Grundprinzip bleibt eigentlich immer gleich.

Als Material habe ich feine gebleichte Baumwolle verwendet, üblicher wäre allerdings in der Zeit Leinen gewesen – das überstand die damaligen Waschmethoden besser. Der Großteil der Nähte habe ich dabei mit der Maschine genäht – ich habe das hier mal mit französischen Nähten probiert.

Besser sind allerdings Kappnähte, sie liegen flacher, sind stabiler und irritieren die Haut weniger – aber sie sind auch deutlich zeitaufwendiger. Zum Schluss habe ich den Halsausschnitt vom Jäckchen abgenommen und mit einem Pünktchenstich per Hand genäht. Als ich mir später noch einmal das „Schokoladenmädchen“ und die paar anderen Jäckchenbilder betrachtet habe, ist mir allerdings aufgefallen, dass entweder der Ärmel aus dem Jäckchen hervorschaut oder auch hier eine Rüsche an der Chemise angesetzt ist.

Die Schnürbrust

Die Schnürbrust ist vermutlich das wichtigste Kleidungsstück der Frau im 18ten Jahrhundert. Sie wurde quer durch alle Schichten getragen, denn sie bringt den Rumpf in die für die damalige Zeit übliche konische Form und erfüllt gleichzeitig die Funktion eines Büstenhalters. Normalerweise passt man die Schnürbrust auf den Körper der Trägerin an und baut den Rest des Kostüms darauf auf. In diesem Fall hatte ich aber bereits das Jäckchen nach dem unveränderten Schnitt genäht. Die Frage war demnach: Wie muss eine für das Jäckchen passende Schnürbrust aussehen? Also habe ich hier mal das Pferd von hinten aufgezäumt und eine Schnürbrust in den Schnitt des fertigen Kostüms eingepasst. Als Vorlage für den Schnitt und den Verlauf der Stäbchen habe ich mich grob an der Form der halbversteiften Schnürbrust aus Diderots L’Encyclopédie (1776) orientiert und diese quasi in den Schnitt eingebaut.

Allerdings ist mir das dann doch nicht 100% gelungen, meine Schnürbrust verjüngt sich zur Taille hin etwas mehr als das darüberliegende Jäckchen. Außerdem müsste man beim Anfertigen des Schnitts eigentlich noch beachten, dass durch die Dicke der Stäbchen die Schnürbrust noch an Umfang verliert – der Stoff muss ja um das Stäbchen herum. Bei den 30 Stäbchen, die ich nebeneinander eingebaut habe und einer Dicke von 2mm pro Stäbchen ergibt das immerhin 6 cm! Andererseits dehnt sich ja oft noch der Stoff etwas – kurzum hier hilft nur Erfahrung sammeln – dazu mache ich ja Prototypen. Als Fischbeinersatz habe ich für die Stäbchen lange starke Kabelbinder verwendet, die sind durchaus eine gute und günstige Alternative zum üblichen Plastikstäbchen. In der Mitte der Front habe ich eine Extratasche für einen herausnehmbaren Blankscheit eingearbeitet.

Der Blankscheit besteht aus dünnem Holz und wird beim Waschen herausgenommen. Er war neben Strumpfbändern ein beliebtes Liebesgeschenk von Männern an Frauen. Auf ihm hat sich dann der Mann oft mit frivolen Sprüchen in der Art von „Hier möchte ich ruhen“ verewigt. Üblicherweise war er aus Hartholz oder aus Bein – ich habe hier mangels passenden Materials ein Weichholz verwendet. Den Blankscheit habe ich natürlich selber gemacht, aber auf den frivolen Spruch erst einmal verzichtet. Das Innenmaterial der Schnürbrust ist ein dichter Halbleinen, außen habe ich einen weiß-gelben Damast verwendet. Das Muster passt allerdings eher für Möbel oder Tapeten der damaligen Zeit, üblicher wäre hier ein hübscher Blumenbrokat. Für die Löcher der Rückenschnürung habe ich Metallösen verwendet – das ist natürlich nicht zeitgemäß – aber es ist ja nur ein Übungsstück. Üblicherweise wurden die Schnürlöcher nur mit der Hand wie ein Knopfloch umstickt, manchmal wurde noch zur Verstärkung ein Metallring eingesetzt.

Bei der Rückenschürung handelt es sich natürlich um eine Spiralschnürung – dazu wird beim Anziehen jeweils eine Schnur von unten nach oben im Zickzack eingefädelt. Unten hält die Schnur üblicherweise ein Knoten. Oben wird sie von einer Schleife um das Band gehalten. Zum Schluss habe ich die Kanten mit einem dunkelroten Schrägband aus Viskose eingefasst und darauf eine dekorative Handnaht mit einem weißen Leinenfaden zur Fixierung gemacht. Das Einfassen der Zatteln unten an der Schnürbrust ist durch die engen Kurven recht nervig und zeitaufwendig, bis es halbwegs schön aussieht. Gut, vielleicht habe ich es etwas übertrieben, die Gelb-Rot Kombination sieht schon etwas nach Superwoman anno 1750 aus, aber eine Schnürbrust soll ja als der vielleicht intimste Kleidungsgegenstand der Frau auch schön aussehen.

Die Tasche

Statt Handtaschen trugen die Frauen im Rokoko viel praktischere Hüfttaschen, die sie sich unter die Kleidung gebunden haben. Um diese bequem zu erreichen, war die Kleidung darüber durch alle Schichten mit seitlichen Schlitzen versehen. Da ich mich entschlossen hatte einen kompletten Unterbau zu basteln, durfte eine Tasche natürlich nicht fehlen.

Schnitte für Taschen habe ich in verschiedenen Büchern, die Grundform variiert eigentlich nur wenig. Ich habe mich dann für einen Schnitt aus „Fitting & Propper“ von Sharon Ann Burnston entschieden, der von einer einfachen Tasche ca. 1750 abgenommen wurde. Überrascht hat mich nach dem Vergrößern am Computer dann doch, wie riesig die Taschen damals waren – da passt einiges rein. Ansonsten ist eine Tasche unspektakulär zu machen: den Schnitt einmal aus dem Oberstoff und zweimal aus dem Futterstoff ausschneiden, einen Schlitz in die zwei oberen Schichten machen, einfassen, alle drei Schichten rund herum vernähen und einfassen, zum Schluss noch Bänder annähen, um die Tasche um die Taille zu binden. In der damaligen Zeit wurden Taschen (obwohl sie unsichtbar blieben) auch gerne aus schönem Stoff gemacht oder gar aufwendig bestickt. Ich habe daher den gleichen Damast verwendet wie für die Schnürbrust.

Die Hüftrolle (gerne auch „Weiberspeck“ genannt)

Ein erhaltenes Exemplar einer Hüftrolle oder einen Schnitt aus einem Schneiderbuch der Zeit ist mir nicht bekannt. Wir wissen aber aus Texten, das die Damen im Rokoko diese manchmal verwendeten und die Rollen in der Zeit mit Kork gefüllt waren.

In Ermangelung besserer Informationen habe ich mich grob am Schnitt aus „The Evolution of Fashion: Pattern and Cut From 1066 to 1930“ von Margot Hamilton Hill und Peter Arthur Bucknell orientiert. Allerdings sind die Schnitte in dem Buch für den Theaterbedarf und nicht für das Reenactment gedacht. Und man muss sie auf den aktuellen Frauenkörper anpassen – eine 63 cm Taille wie in den 1950er hat in Ermangelung des ständigen Tragens eines formenden Unterbaus heute leider kaum eine Frau. Als Füllmaterial habe ich normale Füllwatte verwendet, da ich keine Quelle für geeigneten Kork habe.

Der Unterrock

Einen Unterrock hatte ich ja schon für Carolas Polonaise genäht. Es macht wirklich einen großen Unterschied ob man einen trägt oder nicht – die Kleidung fällt viel besser, ich glaube sogar man bewegt sich anders. Der verwendete Oberstoff lässt aber ohnehin kaum eine Wahl, er ist recht dünn und die Metallbestickung muss abgesichert werden. Der Schnitt (wenn man davon sprechen kann) entspricht dem des Rocks der Oberkleidung. Es gibt auch die Variante mit nur einem Band, das dann hinten mit Haken und Ösen geschlossen wird, aber das ist dann weniger variabel. Hier habe ich dann noch mal damit experimentiert, wie man die Falten trotz Nähmaschine besser hinbekommt. Material ist ein feiner gebleichter Leinen, der aber dennoch recht schwer ist.

Zubehör

Mit dem Unterbau war das Kleid an sich erst einmal fertig. Aber anders als in Filmen mit gruselig schlechten Kostümen oder heute beim Fasching liefen die Frauen im Rokoko in der Regel nicht mit einer Perücke herum. Sie steckten stattdessen ihr eigenes Haar hoch und bedeckten es züchtig mit einem unverzichtbaren Häubchen. Ein weiteres beliebtes Kleidungsstück quer durch alle Schichten war die Schürze, auch diese darf in einem rundum-sorglos-Paket nicht fehlen.

Häubchen (Typ „Pinner Cap“)

Das kleine Häubchen wird im englischen Sprachraum für diese Zeit mit „Pinner Cap“ bezeichnet. Es ist nicht ganz so züchtig, denn es bedeckt nur einen Teil der Haare, im wesentlichen den Haarknoten, an dem es festgesteckt wird.

Einen Schnitt von einem erhaltenen Exemplar habe ich nicht, so musste ich wieder auf „The Evolution of Fashion“ zurückgreifen. Es ist eigentlich einfach anzufertigen: man nimmt einen ovalen Haubenboden, von dem man ein gerades Stück abgeschnitten hat. Entlang der Rundung und entlang des geraden Stückes werden jeweils Zugbänder zum Raffen eingesetzt. Dann wird entlang der Rundung eine Rüsche angenäht. Die Rüsche kann man auch hinten beim geraden Teil ein Stück in der Luft herabhängen lassen. Die hinteren Bänder, „Barben“ genannt, lassen sich auch hochgesteckt tragen. Da alle Nähte hier sichtbar sind, habe ich das Häubchen komplett mit der Hand genäht, und die Rüsche auch per Hand rolliert. Beim Rollieren bin ich allerdings noch nicht perfekt, und das Material war recht widerspenstig.

Haube

Für die größere Haube, die das Haar komplett züchtig bedeckt, gibt es eine Reihe erhaltener Exemplare. Die Hauben waren natürlich auch praktisch, denn sie schützten das Haar vor Staub und Ruß.

Ich habe hier wieder einen Schnitt aus „Fitting & Propper“ genommen. Das erhaltene Exemplar ist dort in die Zeit 1790-1810 eingeordnet, also etwas zu spät für unsere Zwecke, aber ähnliche Exemplare tauchen schon früher auf. Auch hier ist der Aufbau einfach. Ein Haubenboden wird leicht gerafft an einem viereckigen Stück befestigt. Unten am Haubenboden und entlang dem vorderen geraden Teil des viereckigen Stücks wird jeweils ein Zugband eingesetzt. Eine Rüsche wird entlang des viereckigen Stücks angebracht und unten zwei Bänder, um die Haube fest zu machen. Das „Schokoladenmädchen“ hat allerdings einen anderen Schnitt bei ihrer Haube.

Schürze

Das I-Tüpfelchen für ein züchtiges Aussehen ist natürlich im Rokoko eine Schürze. Für Frauen die gearbeitet haben war sie praktisch, denn sie schützt die Kleidung vor Dreck. Für höher gestellte Frauen war sie ein modisches Element, das oft aus feiner Spitze war – für echte Arbeit sind diese Schürzen dann natürlich nicht zu gebrauchen.

Meine Schürze entstand aus dem letzten Rest, den ich noch von dem Baumwollstoff der Chemise übrig hatte – ist also eher ein einfaches Exemplar. Als Schnitt habe ich mich grob an einem erhaltenen Stück (ca. 1770-1785) aus „Costume Close-Up“ von Linda Baumgarten und John Watson orientiert. Ich hatte etwas weniger Material als das Original, so das die Schürze nicht ganz so viel Volumen hat. Die Schürze wird mit einem Bindeband umgebunden und dann das Lätzchen mit Stecknadeln am Kleid befestigt.

Das Jäckchen – zweiter Prototyp

Das erste Jäckchen hatte ich zur Bestimmung der Größe und zum Ermitteln der notwendigen Änderungen nach dem einfachsten Schnitt aus dem Schnittmusterpaket angefertigt. Nach der Anprobe war klar, dass es gut war, dass ich einen Prototypen gemacht habe. Für einen perfekten Sitz mussten etliche Dinge am Schnitt geändert werden – die Ärmel sind etwas zu kurz, die Taille ist zu weit und es schlabbert hinten am oberen Ausschnitt herum. Insgesamt war es zwar nicht so dramatisch, dass man das Teil nicht hätte tragen können, aber ein perfekter Sitz macht den Unterschied bei einer guten historischen Darstellung. Also habe ich den Schnitt angepasst und bei der Gelegenheit auch gleich die vorhandene Nahtzugabe eliminiert – ich habe die Markierungen lieber dort, wo ich nähen muss.

Der zweite Prototyp ist nun ein etwas komplizierteres Modell, das dem endgültigen Kostüm entspricht. Er besteht aus mehr Schnittteilen und hat eine andere Ärmelform. Damit passt er gut in die 1740er bis 1750er Jahre. Das Jäckchen ist nun vorne offen statt geschlossen, in den offenen Teil wird wie üblich ein Stecker eingesetzt.

Ich hatte ja schon zuvor am ersten Prototyp die Nähte nachgebessert, nun wollte ich es gleich richtig machen. Hier wollte ich nun einmal versuchsweise die historischen Vernähtechniken der Schichten ausprobieren. Zur Erinnerung – beim modernen Aufbau werden Futter und Oberstoff separat genäht, beide Teile dann rechts auf rechts an der Außenkante vernäht und gewendet. Dabei verwendet man einen fertigen vollformatigen Schnitt in einer bestimmten Konfektionsgröße, der Schlabberlook wird es schon richten.

Im 18ten Jahrhundert wurde der Schnitt auf dem Körper der Trägerin aufgebaut und so optimal angepasst, dabei kann auch die Asymmetrie des Körpers berücksichtigt werden. Futter und Oberstoff wurden dabei als ein Teil behandelt, beides ist in allen Nähten miteinander verbunden. Der historische Aufbau hat den Vorteil, dass Futter und Oberstoff nicht gegeneinander verrutschen können – für eng sitzende Kleidung, die auf den Körper gezogen wird, ist das natürlich besser. Je nachdem, wie man arbeitet, spart man sich dabei sogar einen Teil der Nähte. Es hat aber auch den Nachteil, dass man nicht mehr das Futter als Prototyp anprobieren kann. Außerdem liegt dabei, je nach Technik, die ganze innenliegende Nahtzugabe auf einer Seite der Naht.

Die Nähte an den Außenkanten der Kleidung muss man bei historischen Techniken immer per Hand machen. Dazu faltet man die Nahtzugabe von Futter und Oberstoff leicht versetzt zueinander und sticht von der Futterseite durch den Oberstoff und zurück – dadurch entsteht ein Pünktchen an der Außenseite. Nun sticht man durch die Kante des Futters und kommt innen aus dem Futter etwas schräg versetzt wieder heraus, dann geht es zurück und das nächste Pünktchen wird gesetzt. Zum Verbinden der Innennähte gibt es dabei verschiedene Techniken, ich habe zwei verwendet:

Die erste Methode kommt dem historischen Verfahren schon nahe, lässt sich aber für die Verbindungsnähte komplett mit der Maschine nähen. Wie in einem Sandwich legt man alle Schichen für die Naht Rechts auf Rechts aufeinander, vernäht diese und klappt sie auf.

Bei der zweiten Methode werden zunächst nur drei Schichten aufeinandergelegt, der Oberstoff rechts auf Rechts. Dann wird der Oberstoff aufgeklappt und das zweite fehlende Futterteil mit untergeschlagener Nahtzugabe durch alle Schichten angenäht.

Für das Jäckchen habe ich nun zunächst die Frontteile mit den jeweiligen Seitenteilen, sowie die Rückenteile mit der ersten Methode vernäht und aufgeklappt. Dann habe ich das Rückenteil und die Seiten mit der zweiten Methode vernäht. Dabei muss man immer darauf achten, dass man nicht bis zur Außennaht nähen darf, weil man noch genug Spiel braucht, um die Nahtzugaben zueinander zu falten – hier muss man die beiden Oberstoffteile und die beiden Futterteil ein Stück weit separat miteinander vernähen. Dann werden die Schulternähte ebenfalls mit der zweiten Methode vernäht. Nun muss man Nahtzugabe an den Außenkanten zueinander wenden und per Hand vernähen – das sind einige Meter. Später werden die Ärmel eingesetzt, den Oberstoff kann man dabei noch durch alle Schichten wie gewohnt mit der Maschine annähen. Das Ärmelfutter setzt man dann von Innen mit einem Pünktchenstich per Hand ein. Die Manschetten werden dann ebenfalls per Hand eingesetzt. Zum Schluss bringt man vorne die handgenähten Schnürlöcher an. Das klingt nicht nur nach viel Arbeit – das ist viel Arbeit für so ein kleines Teil.

Der Stecker

Der Stecker ist dazu da, in der offenen Front die Schnürbrust zu verdecken. Hat die Schnürbrust eine schöne Front (z.B. bei einer aufwendigen vollversteiften Schnürbrust) kann man sie auch direkt zeigen – dann muss man allerdings den Rock und die Bindebänder unter die vordere Zattel befördern.

Bei diesem Jäckchen kann der Stecker entweder einfach unter die Schürung geschoben werden oder man heftet den Stecker zuvor mit Stecknadeln durch seine dafür vorgesehenen seitlichen Laschen an die Schnürbrust. Die meisten Stecker in der Zeit wurden übrigens nicht mit Fischbein verstärkt, das habe ich entgegen der Anleitung daher auch bei diesem Stecker nicht gemacht. Ich habe hier mal einen Stecker gemacht, der auf beiden Seiten schönen Stoff hat, so kann man auch mal Variieren. Ein Wendestecker wie dieser ist damals allerdings wohl eher nicht gemacht worden.

Damit waren alle Teile des Prototyps fertig. Die Anprobe hat ergeben – es passt perfekt, nun ist Carola am Zug und sie soll soviel wie möglich daran selber machen. Und tatsächlich habe ich nur etwas beim Stecken helfen müssen.

Carolas Jäckchen

Für ihr Jäckchen hat sie sich einen Streifenjacquard mit Röschen ausgesucht. Muster sind natürlich immer etwas problematischer beim Zuschneiden und erfordern etwas Planung. Heute will man ja, dass alles perfekt auf einer Höhe ist und sich die Gesamtstruktur nach Möglichkeit fortsetzt. Früher war das weniger von Bedeutung – Stoff war extrem teuer und es wurden auch mal gestückelt, um Material zu sparen, auch wenn es nicht so perfekt zusammenpasste. Nach dem Vorwaschen des Stoffs stellte sich ein kleines Drama ein – die grünen Streifen haben ihre Farbe geändert und abgefärbt, die weißen Streifen sind nun cremefarben, außerdem war es extrem schwierig einen passenden Stoff für den Rock im Grün der Streifen zu finden. Nun man wäscht ja den Stoff vor, damit diese Dramen vor dem Zuschneiden passieren und der Stoff beim nächsten Waschen nicht weiter schrumpft.

Das Jäckchen ist ein kleines Puzzelspiel, und ich habe mir eine neue Strategie ausgedacht, wie man mit modernen Mitteln der historischen Verbindungstechnik der Teile möglichst nahe kommt. Es beginnt nun zunächst mit der Rückennaht. Die beiden Futterteile werden rechts auf rechts aufeinander gelegt, die beiden Teile des Oberstoffs werden genau so rechts auf rechts aufeinander gelegt, und dann die beiden Päckchen (links auf links) zu einem vierschichtigen Paket aufeinander gestapelt.

Das Ganze näht man nun mit der Maschine durch alle vier Schichten zusammen. Allerdings darf man dabei jeweils nicht ganz bis zum Rand nähen weil Futter und Oberstoff später zueinander gefaltet werden und dann die Außenkante mit der Hand vernäht wird. Da die Naht aber geschlossen sein soll, muss beim letzten Stück der Rückennaht bis zum Rand nun separat Futter mit Futter und Oberstoff mit Oberstoff vernäht werden. Nun klappt man jeweils das Futter und den Oberstoff auf und bügelt die Naht am besten unter Zug flach.

Weiter geht es mit dem Seitenteilen, die nun mit dem Rückenteil verbunden werden. Die Teile werden wie beim Rücken als Sandwich mit allen vier Schichten aufeinander gelegt und durch alle Schichten entlang der Naht vernäht. Auch hier muss man beachten, dass, falls die Naht an einer Außenkante endet, man nicht bis ganz zum Rand nähen darf. Endet die Naht innen wie hier oben an der späteren Schulternaht, darf man bis zum Rand nähen.

Nun folgen auf die gleiche Weise wieder mit der Sandwichmethode die Frontteile. Hier darf man die Naht, die im Ärmelloch endet, bis zum Rand nähen. Die Seite der Naht, die an der Unterkante endet, darf man nicht bis zum Rand zusammen vernähen, sondern Futter und Oberstoff werden wie zuvor am Rand separat vernäht.

Wie man sieht, haben wir das Futter etwas größer geschnitten als den Oberstoff – das ist zusätzliches Material, aus dem der Tunnel für die Stäbchen an der Frontöffnung wird. Im nächsten Schritt werden die Schulternähte vernäht. Zunächst wird der Oberstoff der Front rechts auf rechts auf das Rückenteil gelegt. Die Schulternaht wird durch drei Schichten vernäht – vom Rücken Oberstoff und Futter, von der Front nur der Oberstoff. Dabei darf man mit der Maschine wieder am Ärmelloch bis zum Rand nähen, am Halsausschnitt muss man früher aufhören und muss danach wie gehabt nur die beiden Oberstoffschichten zusammennähen.

Nach dem Bügeln der Naht wird nun das Futter an der Schulternaht vernäht – diese Naht ist außen sichtbar und sollte deshalb per Hand gemacht werden. Die Nahtzugabe des losen Frontfutterteils wird dabei nach innen eingefaltet, so dass die zuvor gemachte Schulternaht gerade so verdeckt wird. Dann wird hier die Schulternaht durch alle Schichten vernäht – aber wieder nicht bis ganz bis zum Halsausschnitt, beim letzten Stück dürfen hier nur die beiden Futterschichten miteinander vernäht werden. Nun ist Gelegenheit, noch einmal den Sitz zu testen – passt alles wie der Prototyp oder muss noch etwas an der Front verändert werden? Nachdem alles wie gewünscht sitzt, können die Tunnel für die Stäbchen an der Front genäht werden. Die Stäbchen verstärken nur die Kante im Bereich der Schnürung, also vom Halsausschnitt bis zur Taille. Die Tunnel nähen wir nur mit dem an der Frontkante eingefalteten Futterstoff, die Verstärkung soll außen unsichtbar bleiben. Inwieweit die Stäbchen hier authentisch sind, kann ich nicht sagen, das Jäckchen im Buch von Baumgarten hat eine entsprechende Frontschnürung, aber kein Stäbchen, ein Kleid im Buch von Bradfield hat ein Stäbchen. Nun können die Außennähte rund herum zueinander gefaltet werden, der Oberstoff steht dabei ein bis zwei Millimeter über, damit das Futter verdeckt wird. Hier wird klar, warum die Schichten nicht bis zum Rand miteinander vernäht werden konnten, die Naht würde nun das Zueinanderfalten verhindern. Oberstoff und Futter werden nun wie oben beschrieben vernäht.

Der nächste Schritt sind die Ärmel, diese werden wie gewohnt erst einmal zu einer Röhre zusammengenäht, die Nähte flachgebügelt und der Oberstoff auf rechts gewendet. In diesem Fall wäre es sogar möglich, sich erst einmal um das untere Ende – die Manschetten – zu kümmern und den fertigen Ärmel einzusetzen, weil die Anprobe ja schon über den Prototypen lief. Carola hat sich entschieden, den klassischen Weg zu gehen und erst den Ärmel am Ärmelloch fertig zu stellen, damit noch eine letzte Anprobe möglich ist. Also schauen, welcher Ärmel gehört auf welche Seite, und prüfen wie er genau eingesetzt werden muss, halb wenden und ansetzen. Da, wie so oft, dabei kleine Differenzen zwischen dem Ärmelloch und der dazugehörigen Naht am Ärmel bestehen, ist hier „Easing“ gefragt – das darf ich machen. Als erstes wird der Oberstoff des Ärmels hier durch alle Schichten vernäht. Dann findet eine letzte Anprobe statt – Ärmellänge stimmt. Die Nahtzugabe darf nun eingekürzt und mit Einschnitten versehen werden. Als nächstes wird das Futter in den Ärmel eingesetzt. Dazu wird die Nahtzugabe oben am Ärmelfutter umgefaltet und flachgebügelt, das Ärmelfutter in den Ärmel gesteckt, wieder ist „Easing“ gefragt und das Futter wird im Ärmelloch rund herum durch alle Schichten per Hand vernäht. Der nächste Schritt ist das Anbringen der Manschetten. Carola hat sich für den dritten Typ von Manschetten des Schnittmusters entschieden. Auch hier wird wieder aus dem Oberstoff und dem Futter jeweils ein Schlauch genäht. Die Nahtzugabe an der Oberkante wird umgebügelt und das Futter mit leichtem Versatz in den Oberstoffschlauch gesteckt. Beides wird nun per Hand miteinander vernäht. Der schwierigere Teil ist das Ansetzen der Manschette an den Ärmel. Die Unterkante des Oberstoffs des Ärmels und die Unterkante der Manschette werden aneinander ausgerichtet und die Nahtzugabe nach innen gefaltet. Die Nahtzugabe des Ärmelfutters wird mit etwas Versatz dagegen gefaltet und das Futter wird per Hand durch alle Sichten vernäht – dabei ist es wichtig, jeweils auch den Oberstoff des Ärmels zu erwischen, der zwischen dem Sandwich liegt, damit alles hält. Die letzten Schritte sind die Schnürlöcher an der Front, die natürlich für eine Spiralschnürung versetzt angebracht werden. Und als Verzierung werden die, am Anfang entstandenen, Maschinennähte noch mit Handnähten nachgearbeitet – so entstehen Außen viele dekorative Pünktchennähte. Fertig ist das Jäckchen und darf anprobiert werden.

Das nächste Element ist der Stecker, auch hier ist es ein Wendestecker mit zwei Seiten, die als Front verwendet werden können. Als Unterbau wird wieder eine Hüftrolle verwendet. Carola hat noch von ihrer Schnürbrust Stoff übrig, daraus näht sie die Rolle. Dummerweise habe ich den für das Röllchen verwendeten Schnitt nicht markiert und deshalb den Falschen gegriffen – entstanden ist deshalb eine etwas dickere Rolle. Die Chemise und den Unterrock hat sie von mir geerbt, den Rock hat ihre Mutter genäht, bleibt noch das Häubchen übrig. Das Häubchen soll nur ein flaches von Spitze umrandetes Etwas werden, das nach etwas Schnittanpassung entsteht. Als weiteres passendes Element hat sie sich eine Bergère angeschafft und mit Blumen und Bändern dekoriert. Das über den Hut laufende und unter dem Kinn gebundene Band, das man heute manchmal sieht, findet sich auf den alten Bildern eigentlich nicht, deshalb sind die Bänder innen befestigt und werden unter dem Hinterkopf gebunden.

Fertig ist Carolas neues Kostüm, und nun gibt es die Qual der Wahl bei der Variation von Stecker und Bändern für die Schürung – vielleicht kommt ja noch ein weiterer Rock hinzu.