Christian Griesbeck

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Dame Empire c. 1806-1809

Auf eBay hatte ich einen schönen Batist erstanden, der am Rand wunderschön mit Weißstickerei verziert ist. Als ich den Stoff zum ersten Mal gesehen hatte, kamen mir sofort die Kleider der Jane Austen Zeit in den Sinn. Daraus sollte als Überraschung für Carola ein Kleid werden, wie es Elizabeth aus dem Roman „Stolz und Vorurteil“ getragen haben könnte. Der klassische Stoff für Damenkostüme im Empire wäre natürlich Musselin gewesen, aber es gibt auch durchaus erhaltene Exemplare aus Batist. Wobei der Musselin der Empire-Zeit ohnehin wohl etwas dichter war als der Stoff, der heute unter dem Namen angeboten wird. Das Kostüm sollte eigentlich rechzeitig für einen Biedermeierball Ende Oktober 2009 fertig werden – es passt gerade noch in die Zeit, der Stil wurde vereinzelt noch bis in die 1820er getragen.

Der Schnitt des Kleides stammt aus Janet Arnolds „Patterns of Fashion 1“ Buch. Das Originalkostüm, von dem der Schnitt abgenommen wurde, findet sich im Victoria und Albert Museum. Typisch für die Kleider des Empire ist die hohe Taille – man versuchte die Antike zu imitieren. Es gibt verschiedene Grundformen, ein Teil wird wie dieses im Rücken geschlossen, ein anderer Teil vorne mit einem Lätzchen. Als Farbe war, wie bei diesem Kleid, weiss sehr beliebt, aber das war keineswegs die einzige Farbe der Zeit. Typisch ist auch das farbige Band um die hoch sitzende Taille. Gerne trug die Dame dazu als weiteres farbiges Element einen Kaschmirschal. Die Ärmel waren oft kurz – dann wurden lange Handschuhe getragen, seltener waren sie wie hier lang, manchmal hatte ein Kleid auch zwei Ärmeltypen übereinander, wobei der äußere dann transparent war.

Das Drama des Unterbaus

Es gibt kein wirklich gutes historisches Kostüm ohne den dazugehörigen Unterbau, ohne ihn stimmen weder die Körperformen noch die Trageeigenschaften. Viele Leute glauben, im Empire hätten die Frauen nichts oder höchstens ein dünnes Hemd unter ihrem Kleid getragen – das funktionierte aber auch damals nur bei den wenigen Frauen, die genau die ideale Figur dafür hatten. Die Mehrheit half mit dem passenden Unterbau nach – wobei sich eine Reihe verschiedener Formen entwickelte.

Als unterste Schicht trug die Dame ein Hemd mit einem Zugband am Ausschnitt, mit dem man diesen regulieren konnte. Das Hemd hatte passend zum Oberkleid nur noch einen kurzen Arm (oder manchmal nur Träger). Natürlich gehörten die üblichen langen Strümpfe, die von einem Strumpfband gehalten wurden, als weiterer Bestandteil zur Unterkleidung. Eine neue Option der damaligen Zeit waren Pantaloons – einzelne Röhren für die Beine, die mit einem Band um die Taille gehalten wurden. Eine andere neue Option waren Hosen aus hautfarbenem Seidentrikot.

Über dem Hemd trug die Frau, falls ihr Busen die Cupgröße A überschritt, etwas, das diesen unterstützte. Bis Cupgröße B war ein Unterkleid (oder Unterhemd) möglich, das den Busen mit etwas Fischbein unterstützte. Bis Cupgröße C funktionierte eine neue Kurzform der Schnürbrust, die nun mit kleinen Keilen ein Cup formten (manchmal hatte diese unten noch Zatteln, die allerdings ohne Funktion waren). Für alles darüber benötigte man eine neue Langform der Schnürbrust, die bis über die Hüften reichte und dort ebenfalls eingesetzte Keile hatte – aus dieser Form entwickelte sich später das Korsett der Biedermeierzeit. Manchmal trug die Dame über dem Mieder noch einen Unterrock mit Trägern, der das Mieder kaschierte.

Eine vermeintlich weitere Option war ein neuartiges Bustier, von dem ein einziges Exemplar im Kyoto Costume Institute zu finden ist. Vermeintlich deshalb, weil ich inzwischen, wie einige andere auch, zum Schluss gekommen bin, dass die Leute vom Kyoto Costume Institute vermutlich leider mal daneben liegen und das Teil ihrer starren Puppe einfach falsch herum angezogen haben. Ich glaube, es ist eher ein Geradehalter – die Stäbchen sollen nicht den Busen stützen, sondern für einen geraden Rücken sorgen und die Riemchen die Schultern nach hinten ziehen. Versucht man das Teil als Büstenhalter zu tragen, mit den Stäbchen vorne, würden die Schultern auch nach vorne gezogen – kein schönes Bild. Aber damals hatte ich noch keine Abbildung des kompletten Originals und ich verließ mich blind auf eine Schnittmusterfirma, die damit wirbt, dass ihre Schnitte besonders historisch akkurat sind. Das war also meine Wahl und ich hatte dazu ein Schnittmuster von „Reconstructing History“ bestellt „RH834 - Early 1800s Stays“. Allerdings ließ die Sendung dummerweise auf sich warten und die Zeit bis zum Ball schmolz vor sich hin. Schließlich begann ich damit, das Schnittmuster für das Kleid auf das Tragen mit einem normalen BH anzupassen – es musste ja irgendwann los gehen. Als das Schnittmuster endlich da war, machte ich natürlich gleich einen Prototypen davon, aber der hatte nicht den gewünschten Effekt. Wie ich später festgestellt habe, lag Kass McGann (die den Schnitt gemacht hat) mit dem Bustier voll daneben. Sie hatte für ihren Schnitt vermutlich nur die Frontansicht von der Webseite des Kyoto Costume Institute gesehen und keine Abbildung des gesamten Kleidungsstücks zur Verfügung. Statt wie das Original aus zwei Einzelteilen, besteht ihr Bustier aus einem zusammenhängenden Stück. Als weiteren Versuch hatte ich dann später einen Prototypen der „Short Stays“ gemacht, der ebenfalls in ihrem Schnittmusterpaket enthalten ist – ein weiterer Fehlschlag.

Das Drama des Oberkleids

Es half nichts, das Kleid musste ja zum Ball fertig werden. Also erst einmal ohne den richtigen Unterbau, ein moderner BH muss erst einmal reichen. Das ist besonders witzig, wenn die Taille unmittelbar unter dem Busen sitzt und bei jeder Anprobe ein anderer BH zum Einsatz kommt. So sind die Gegebenheiten jedes Mal verschieden und man kann sich sicher sein, dass am Ende etwas Unerwartetes herauskommt. Den Schnitt skalierte ich am Computer und machte einen Prototypen aus Papier, der zur ersten Anprobe diente. Es war alles etwas vage, denn vorne wird viel Stoff zwischen dem Taillenband und dem Band am Ausschnitt gerafft eingefasst. Ja, der Ausschnitt, der musste auch erst mal definiert werden – das machte ich mit Papierbändern. Den Schnitt passte ich mit den Maßen nochmals an und los ging es.

Ich wollte zumindest alle sichtbaren Nähte mit der Hand nähen – auch wenn der Stoff ohnehin maschinell bestickt ist. Aber fast niemand hat heute noch die Zeit, so ein Kleid auch noch per Hand zu besticken, der moderne Stoff ist ein Kompromiss, den man heute machen muss. Eigentlich ging alles recht schnell, es sind ja nicht so lange Nähte. Das Oberteil konnte anprobiert werden und passte ganz gut. Dann setzte ich die Ärmel ein, die ich vorher noch in der Länge angepasst hatte. Dummerweise versäuberte ich sie schon vor der nächsten Anprobe. Auch die Knöpfe und Knöpflöcher hatte ich fertiggestellt. Plötzlich passte alles nicht mehr so gut – durch die eingenähten Ärmel war nun wohl alles weniger flexibel. Aber um das Oberteil nun noch einmal neu zu machen, fehlten die Zeit und der Stoff.

Zum Schluss musste das lange Rockteil angepasst und angenäht werden. Da der Stoff am unteren Rand bestickt ist, konnte er nur „am lebenden Objekt“ oben am Taillenband durch Abstecken auf die richtige Länge gekürzt werden. Wegen Kreislaufproblemen, wohl verursacht durch das lange steife Stehen, musste dann der Vorgang frühzeitig beendet werden. Ich wollte den Rockteil provisorisch mit der Maschine annähen, damit das Kleid am Abend tragefähig ist. Dazu musste ich alles, was abgesteckt war, noch einmal umstecken – selbstverständlich fingen die Nadeln dabei an, ungefragt herauszufallen. Dann streikte meine Nähmaschine alle paar Zentimeter. In der Nacht hatte ich wenig Schlaf bekommen und irgendwann hörte ich entnervt auf. Also wurde das Kleid doch nicht mehr rechtzeitig für den Ball fertig. Die Nähmaschinennähte trennte ich später dann wieder auf und stellte das Kleid schließlich als komplett mit der Hand genähtes Kleidungsstück fertig.

Das Hemd

Am Aufbau des Damenhemds hat sich wie beim Herrenhemd über viele Jahre wenig verändert. Das gerade Mittelteil ist in der Breite grob der Schulterbreite angepasst. An den unteren Seiten werden zur Verbreiterung Keile eingesetzt. Die Ärmelform und Länge variierte je nach den Bedürfnissen der Zeit. Manchmal sitzen unter den Ärmeln in der Achselhöhle wie beim Herrenhemd noch je ein Viereck. Beim hier realisierten Damenhemd des Empire kommen kurze Ärmel mit besagten Vierecken zum Einsatz. Der Ausschnitt kann durch ein Zugband vorne und hinten variiert werden, damit das Hemd nicht unter dem Kleid hervorblitzt. Das Hemd habe ich als vorerst letzten Akt auch mit Handnähten fertiggestellt – damit war das Kostüm für die nächste Gelegenheit Anfang Dezember 2009 tragefertig.

Nacharbeitung des Korsetts

Der richtige Unterbau ließ mir keine Ruhe, ohne ihn stimmt die Form einfach nicht so richtig. Also habe ich einen weiteren Schnitt bestellt, diesmal von „The Mantua-Maker“ für ein langes Empirekorsett, der recht gute Kritiken bekommen hatte. Der Schnitt scheint wirklich recht gut recherchiert zu sein, nur leider passte der Prototyp, den ich daraus gemacht hatte, leider auch nicht. Der Unterbau liegt somit erst einmal auf Eis und das Kostüm wartet darauf, seine endgültige Form zu bekommen.