Christian Griesbeck

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Quellen der Kostümgeschichte

Woher wissen wir eigentlich, wie sich Menschen früher gekleidet haben? Die beste Quelle der Kostümgeschichte – die Primärquellen – sind natürlich erhaltene Kleidungsstücke. Aus ihnen lässt sich direkt der Schnitt und Aufbau herauslesen. Als Sekundärquelle dienen Abbildungen und Schneiderbücher der Zeit. Als weitere Quellen dienen zeitgenössische Texte, in denen Kleidung erwähnt wird.

Erhaltene Kleidung

Ab der Renaissance sind zumindest einige Kleidungstücke erhalten, die bewusst aufbewahrt wurden, während wir aus der Zeit davor mit ganz wenigen Ausnahmen nur archäologische Funde haben. Diese Kleidungsstücke sind natürlich nicht repräsentativ, oft wurde aufbewahrt, was besonders kostbar war oder einen großen Erinnerungswert hatte – die Kleidung der einfachen Leute ist bis ins 19te Jahrhundert in den seltensten Fällen erhalten. Die Kleidung der meisten Menschen wurde getragen, bis sie völlig verschlissen war oder immer wieder umgearbeitet, denn Stoff war lange Zeit extrem teuer. Einige der erhaltenen Stücke wurden im Laufe der Jahre verändert, oft sind sie in späteren Zeiten als Kostüme für Theater oder Karneval weiterverwendet worden, so dass auch Originalstücke einer kritischen Betrachtung unterzogen werden müssen. Leider eignet sich Kleidung oft nicht gut zum Aufbewahren, die Naturmaterialien zerfallen, die Farben verändern sich und zersetzen zum Teil zusätzlich die Stoffe, auch das Sonnenlicht tut sein übriges. Je näher wir der Neuzeit kommen, desto mehr an erhaltenen Kleidungsstücken gibt es natürlich, mit der Institutionalisierung von Museen setzt zudem eine Sammeltätigkeit ein. Erfindungen wie die Mechanisierung der Garnherstellung und der Webstühle machten die Kleidungsherstellung günstiger. Die Nähmaschine revolutionierte ab Mitte des 19ten Jahrhunderts schließlich den Nähprozess völlig und eine industrielle Massenfertigung von Kleidung setzte ein.

Abbildungen und Plastiken

Neben erhaltenen Kleidungsstücken als Primärquelle sind Abbildungen und Plastiken die wichtigste Sekundärquelle. Sie zeigen, wie Kleidung getragen wurde und geben uns zusätzliche Informationen z.B. über die Farbigkeit und Farbzusammenstellungen, den Zeitgeschmack und die Accessoires. Bilder sind auch wichtig bei der Datierung von Kleidung, denn oft tragen sie im Gegensatz zu Kleidungsstücken eine Jahreszahl. Natürlich ist in der Malerei und der Plastik der Blick auf die Kleidung eingeschränkt, denn abgebildet wurde nur, wer es sich leisten konnte oder wer z.B. im Rahmen von Genremalerei ins Bild kam. Zudem bestimmte der Auftraggeber, was aufs Bild kam und selbst die beste Festkleidung lässt sich mit dem Pinsel leicht noch aufputzen. Dennoch haben uns einige Künstler fantastische Dokumente hinterlassen, in denen sie jede einzelne Naht dokumentierten. Oft hilft uns eine genaue Bildbetrachtung beim Lösen einiger Rätsel der Kostümgeschichte, aber manchmal geben sie uns neue Rätsel auf. Plastiken geben uns zudem die dritte Dimension. Mit etwas Glück können wir bei ihnen auch auf die Rückenansicht schauen, die wir bei Bildern leider allzu oft vermissen.

Schneiderbücher, Modebilder und Puppen

Eine interessante Quelle sind zeitgenössische Schneiderbücher, die ab der Renaissance erhalten sind. Oft beschäftigen sie sich aber weniger mit dem technischen Aufbau von Kleidung, als mit dem effektiven Ausnutzen des extrem teuren Stoffs. Ab dem frühen 19ten Jahrhundert gibt es umfangreiche Anleitungen für die Hausfrau zur Herstellung der verschiedenen Kleidungstücke. Ab der Mitte des 19ten Jahrhunderts werden die Schneiderbücher präziserer und enthalten detaillierte Schnitte. Mit dem Aufkommen einer regelmäßig wechselnden Mode haben wir mit Modebildern und Modepuppen, die in ganz Europa versandt wurden, eine weitere interessante Quelle.

Kleiderordnungen, Inventare, Testamente und andere Texte

Oft helfen auch Quellen, die nicht ganz so naheliegende sind. So wird manchmal in alten Testamenten Kleidung beschrieben und vererbt. Kleiderordnungen versuchen zu regeln, was welcher Stand tragen darf und wieviel Stoff dazu verwendet werden soll. Inventare geben Aufschluss über den Umfang von Kleidungsausstattung und nennen insbesondere auch Teile von Unterwäsche, die meist sonst nirgends zu finden ist.