Christian Griesbeck

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Tag: Mittelalter

Christian
Miroque Edition – Historische Tänze aus Mittelalter, Renaissance und Barock
25.04.2011 14:00:00

Die Zeitschrift Miroque hat ihr erstes Sonderheft herausgebracht – Thema ist „Historischer Tanz“ – das musste ich natürlich haben. Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, deren Untertitel „Lebendige Geschichte“ ist, ging ursprünglich hervor aus einer Reihe von CD-Samplern mit „Mittelalter“ und „Gothic“-Musik. Das Editional des Sonderhefts zeigt sich verwundert darüber, dass es so wenig Bücher und praktische Tanzanleitungen für den Historischen Tanz gibt – und will hier Abhilfe schaffen.

Los geht es mit dem Tanz in der Antike. Antike? Es ist mir neu, dass da rekonstruierbare Tänze oder Musik erhalten sind. Aber die Autorin Susanne Rühlig M.A. vermeidet dezent jede klare Aussage dazu – wäre ja auch zu blöd, wenn man zugeben muss, dass das, was man als Römermusikcombo produziert, zum großen Teil ein Phantasieprodukt ist.
Sehr gut finde ich hingegen den Artikel zum „Tanzen im Mittelalter“. Der Autor „Chnutz vom Hopfen“ sagt gleich klar, dass es erst aus der italienischen Renaissance Quellen mit Tanzbeschreibungen gibt. Er nähert sich dem Mittelaltertanz dann doch über die Musik und Abbildungen an. Sehr schön ist die Liste mit Tänzen, die auf „Mittelalterevents“ auftauchen, aber dort nicht hin gehören, weil sie viel später erfunden wurden.
Dummerweise ist der Artikel über den Tanz in der Renaissance der Professorin Dr. Ingrid Engel einfach misslungen. Hier hätte ich wesentlich mehr erwartet, insbesondere der Unterschied zwischen Tänzen aus dem 15ten und 16ten Jahrhundert wird nicht herausgearbeitet. Stattdessen enthält der Beitrag eine Ansammlung von Tanznamen und eine Aufzählung von zum Teil falsch datierten Büchern bis ins Barock. Einen Eindruck des Renaissancetanzes gewinnt man hier leider nicht. Zudem gibt sie für ihre drei Choreographien keine Quellen an.
Gut gefallen hat mir überraschenderweise hingegen der Artikel über den Barocktanz von Peter Hoffman. Nur leider gibt es dann als Choreographie für einen „Barocktanz“ nur einen Playford, die „Indian Queen“ – schade, auch diese Chance verpasst.
Auch der Artikel über „Altenglische Country Dances“ von Roswitha Busch-Hofer ist gut, auch wenn mich das „Alt“ immer stört. An den Tänzen stören mich bei „Sellengers Round“ die modernen Zugaben, und ob „Black Nagg“ aus der kurzen Beschreibung zu tanzen ist, finde ich fraglich.

Das waren dann schon die 30 Seiten des 100 Seiten zählenden Hefts, die sich tatsächlich mit dem Kern des historischen Tanzes beschäftigen. Gut – 5 Seiten kommen noch für das Cover, Editional und die Inhaltsbeschreibung der beigefügten CD hinzu. Die CD enthält als Sampler übrigens 16 Tracks. An echten erhaltenen historischen Tänze darauf, für die auch vorne die passenden historischen Tanzbeschreibungen abgedruckt sind, finden sich dann dabei immerhin die drei oben erwähnten Playfordtänze – alles Aufnahmen, die vermutlich ohnehin jeder Interessierte hat.

Ansonsten erfahren wir auf den weiteren Seiten neben Werbung etwas zum „Bal Folk“, „Scottish Country Dance“, „Orientalischer Tanz und Tribal“, „Afrikanischer Tanz“, „Schamanen und Reigentänze“, „Chinesischer Volkstanz“, „Square Dance“, „Irischer Tanz“, „Kasatschok“, „Schwerttanz“, dem „Volkstanz in und um Deutschland“, „Tanz der Derwische“, „Flamenco“, „Capoeira“, zur „Geschichte des Balles“ (leider nichts für Reenactment relevantes), zu „Tanzwut, Veitstanz“, „Tanz in den Mai“, „Totentänze“. Die Breite zeigt – hier sollen möglichst alle bedient werden, die dieses Heft kaufen könnten, leider kommen dabei alle zu kurz. Für die eigentliche Zielgruppe sind meiner Meinung nach hiervon höchstens die Artikel „Tanzwut“ und „Totentänze“ wirklich relevant.

Es folgen vier Seiten Veranstaltungshinweise, zwei Seiten Tanzschulen, 10 halbseitige Portraits von Tanzgruppen, eine Seite mit Musik und Sachbüchern (die zufälligerweise alle im Shop zu erwerben sind). Alles dabei eine nicht repräsentative Auswahl, die leider keinen Überblick verschafft. Auch die zweiseitige Spiel- und Bastelecke für Kinder zum Schluss haut es nicht mehr raus.

Insgesamt sind das große Manko des Heftes die zu kurzen Tanzbeschreibungen – es wendet sich ja schließlich an Anfänger. Und jeder Autor verwendet für seine Choreographien eine andere Notation – ohne dass diese irgendwo erklärt wäre – das ist so einfach murks! Eine bessere Auswahl von repräsentativen Tänzen durch die Jahrhunderte mit guten Tanzbeschreibungen und einem einheitlichen Notationssystem wäre wünschenswert gewesen. Die Autoren arbeiten zudem unkoordiniert voneinander und erzählen so vieles mehrfach. Hier ist eine große Chance verpasst worden, und stattdessen wurde nur ein Heft mit viel Füllmaterial erzeugt – schade, schade.



Tags: Tanz | Bücher | Mittelalter | Renaissance | Barock

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