Christian Griesbeck

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Tag: Reenactment

Christian
1. Frühlingsball in Bad Arolsen 2012
24.03.2012 14:30:00

Das Jahr beginnt in Sachen historischer Tanz und Reenactment so, wie das letzte Jahr zuende gegangen ist – mit einem Barock-/Rokokoball. Letztes Jahr in Dillenburg hatten wir Matthias kennen gelernt. Er ist Organisator der Reenactment Interessengemeinschaft „History Action“ und er hat uns gleich zum ersten großen Frühlingsball im Schloss von Bad Arolsen eingeladen. Der Ball war zwar schon ausgebucht, aber es wurden dann für uns noch Ballkarten frei, die wir gerne angenommen haben. Mit dem Umziehen hat alles problemlos geklappt und damit sind wir diesmal sehr früh dran. Zunächst begrüßen, aufgerufen durch den Zeremonienmeister, die Delegationen aus den einzelnen Ländern die Gastgeber und jede Dame bekommt als Gastgeschenk eine Rose überreicht. Als Ehrengast erscheint, von Fanfahren begrüßt, sogar der alte Fritz höchstpersönlich. Weiter geht es in drei Gruppen – für uns steht zunächst die Kaffeetafel auf dem Programm, andere flanieren oder sollen an einer Führung des Gastgebers durch sein Schloss teilnehmen. Die Führung fällt aber leider aus, weil das Schloss noch durch eine reguläre Führung blockiert ist. Nun, Kaffee und Kuchen sind jedenfalls lecker und wir sitzen doch tatsächlich mit Friedrich dem Großen am Tisch, der neben den leiblichen Genüssen auch dem Laster des Tabakgenusses frönt. Nach dem Kaffee bleibt das Flanieren, leider nur im Hof des Schlosses, weil sich kein Zugang zum Park findet, der irgendwo hinter dem Schloss sein muss. Aber als Abwechselung steht eine Kutsche bereit für eine kleine Fahrt durch die Stadt, ein sehr schönes Element! Die Passanten in der Stadt sind natürlich etwas verwundert über all die hohen Herrschaften, die da an ihnen vorbeirauschen. Auch das passend gekleidete Photographenpaar macht unermüdlich Bilder, die das Ereignis festhalten. Weiter geht es für die hundert Gäste mit einem gemeinsamen festlichen Mahl im großen Saal des Schlosses. Das Perlhuhn ist sehr lecker, dazu gibt es Livemusik. Die Tischgespräche sind, wie auch die Bekleidung von Bedienung und Musikensemble, nicht allzu authentisch – es geht wie meist um Kostüme, das nötige Zubehör für Reenactment und was man so macht. Dann muss der Saal geräumt werden – Umbau für den Ball. Eine kleine Fehde mit einer Fechtszene überbrückt draußen die Wartezeit.

Der Ball beginnt mit einem festlichen Einzug der Gäste in einer Polonaise. Getanzt wird aber erst einmal nicht, sondern es gibt ein Konzert mit Musik und Opernarien aus dem Barock. Danach gibt es noch einen kleinen Ausflug ins 19te Jahrhundert (vorher war der Spitzentanz noch nicht erfunden) mit einem putzigen Frühlingstanz. Das enttäuschendste an Barockbällen ist für Leute, die sich mit richtigem Barocktanz befasst haben scheinbar meist der Tanzanteil. Die Musik kommt auch hier wieder aus der Konserve, getanzt werden nur einfache Countrydances, auf barockes Schrittmaterial wird fast völlig verzichtet und die Tanzmeisterin war zeitweise etwas überfordert mit dem „Flöhe hüten“. Da sind die Bälle natürlich im Vorteil, die mit einem Workshop verbunden sind, oder das Ballprogramm vorher veröffentlichen. Aber ich bin auch vielleicht einfach viel zu verwöhnt von der Qualität, die in dieser Beziehung bei Scottish Country Dance Bällen erreicht wird. Die meisten Leute, die Barockreenactment machen, wissen halt wenig von Barocktanz – und die meisten Leute, die ernsthaft Barocktanz machen, betreiben kein Reenactment. Eine weitere kleine Reenactmentspielszene lockert die Pause auf, auch das gut ausgestattete Spielzimmer ist einen Besuch wert. Um Mitternacht gibt es dann ein Feuerwerk für die Ballgäste, womit der Ball aber lange noch nicht zuende ist. Es ist klar, dass beim ersten Mal nie alles so 100% klappt, wie man es geplant hat, in jedem Fall steckt viel Arbeit dahinter. Schade finde ich, dass nicht mehr vom Schloss zugänglich war. Aber vielleicht findet ja im nächsten Jahr wieder ein Frühlingsball statt.



Tags: Reenactment | Ball | Barock | Tanz

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Christian
Barocker Hofball in Zabeltitz 2011
10.12.2011 10:00:00

Mein Barocktanzmarathon findet für mich in diesem Jahr mit dem Barocken Hofball in Zabeltitz seinen Abschluss. Den von Uwe Müller alias Graf Wackerbarth organisierten Hofball gibt es nun schon seit einigen Jahren, auch wenn er im letzten Jahr, aufgrund der unsicheren Situation rund um das Palais in Zabeltitz, ausfallen musste. Wir sind dieses Jahr am 10. Dezember 2011 zum ersten Mal mit dabei und freuen uns auch auf die Reenactmentelemente, die hier mit einfließen. Los geht es eigentlich schon am Freitagabend mit einem kleinen Tanzkurs und geselligem Beisammensein, aber durch einen Terminkonflikt können wir leider erst in der tiefen Nacht vor Ort ankommen. Zu allem Überfluss verfahren wir uns noch auf dem Weg, ein Straßenatlas von 1993 ist halt nicht mehr allzu aktuell. Nach einer langen Fahrt und einer zu kurzen Nacht gibt es im Gästehaus Zabeltitz ab 8 Uhr ein leckeres Frühstück – sogar mit Bacon and Eggs. Ab 10 Uhr morgens gibt es dann noch mal zwei Stunden Tanzkurs mit der Tanzmeisterin des Abends – Ilka Trotte – die auch schon seit Jahren beim Sonnenball die Tanzmeisterin gibt und nun auch Historische Kostüme anfertigt (die wir an dem Abend an ihr bewundern können). All zuviel verpasst haben wir am Freitagabend nicht, denn wir wiederholen die Tänze noch einmal – alles einfache Klassiker wie „Indian Queen“ aus der Sammlung Playford (1651) und „La Matelote“ aus Feuillets Recueil de Contredances (1706). Insgesamt werden dann sieben Tänze gelernt und am Abend kommen spontan noch ein paar weitere hinzu. Wer mag, kann sie mit den entsprechenden Barockschritten tanzen, Technik wird an dem Morgen aber nicht vermittelt. Die längere Pause bis zum Nachmittag nutzen wir dann, um noch etwas Schlaf nachzuholen.

Weiter geht es nach dem Umziehen mit dem Sektempfang im Palais ab 15 Uhr. Gut, dass wir im wenige Schritte entfernten Gästehaus untergekommen sind, ein Umkleiden vor Ort ist nicht vorgesehen. Für die kalte Witterung haben wir unsere Kostüme extra noch um Umhänge erweitert, die wir in der Woche davor schnell noch genäht haben. Vor dem Schloss hält ein Soldat Wache und kontrolliert unsere Einladung, wir dürfen eintreten. Der Zeremonienmeister stellt uns dann Graf Wackerbarth und den wartenden Gästen vor – offensichtlich sind wir die einzigen, die Uwes Angabe, dass die Gäste zwischen 15:00 und 15:30 Uhr nach und nach eintrudeln sollen, ernst genommen haben – denn wir kommen als letzte an und werden natürlich beäugt – wie peinlich. Aber der Zeremonienmeister entschuldigt unser spätes Eintreffen mit dem schändlichen Überfall unserer Kutsche (wir haben arabische Ölscheichs und deutsche Politiker im Verdacht) und der langen Fahrt durch die Nacht. Weiter geht es mit der Kaffeetafel. Der Zeremonienmeister ruft jedes Paar einzeln nach seinem Rang auf und dieses wird dann von einem Diener an der gemeinsamen Tafel platziert – je niedriger der Rang, desto weiter entfernt vom Gastgeber sitzt man natürlich. Um 17 Uhr wird dann die Kaffeetafel aufgelöst und die Gäste verteilen sich in die, nun von Kerzenlicht erleuchteten, oberen Räume des Palais. Im Kaminzimmer lodert bereits das Brennholz und wärmt den Raum. Dort ist auch Gelegenheit, Schach oder Karten zu spielen und sich mit den anderen Gästen zu unterhalten. Ein Paar nutzt die romantische Gelegenheit und verlobt sich hier. Weiter geht es mit einem kleinen Streichkonzert barocker Musik durch die Musikschule Meißen. Um 19 Uhr beginnt dann das Diner mit einem 3-Gänge-Menü, wir sitzen wieder alle zusammen an der Tafel und das Essen wird uns serviert. Hier gibt es auch ein paar Reenactment Spielszenen und Trinksprüche werden vorgetragen. Im Anschluss wird das Schokoladenbüfett präsentiert. Die schlecht Luft durch die Wunderkerzen geben dabei leider Carola für den Moment den Rest, ihr ist schon das Hauptgericht nicht gut bekommen, so dass sie raus an die frische Luft muss – erst einmal keine Schokolade, die so sehnsüchtig erwartet wurde.

Ab 21:30 geht es dann mit dem eigentlichen Ball los. Ilka hat schon an der Tafel nicht ganz glücklich ausgesehen, jetzt wird klar – ihr geht es nicht besonders – die Stimme ist fast weg und sie wird die Ansagen am Abend reduzieren müssen. All zu viel tanzen werden wir persönlich an dem Abend dann aber nicht, nach zwei oder drei Tänzen muss Carola raus – das Hauptgericht meldet sich wieder. Später werden wir dann bei ein paar Tänzen mitmachen und etwas Menuett tanzen. Der offizielle Ballteil wird um 23:30 Uhr beendet, wir bleiben noch bis kurz vor eins und verabschieden uns dann.

Für den Sonntagmorgen ist dann als Reenactmentelement noch ein kleines Bläserkonzert vorgesehen und ein Kirchgang. Die meisten haben für diese weitere Gelegenheit, ein Kostüm zu tragen, gleich noch ein passendes zweites mit dabei. Die Kostüme der Teilnehmer am Ball waren ja ohnehin schon bereits deutlich überdurchschnittlich, aber hier zeigt sich der echte Hardcore Reenactor – ein passendes Kostüm der Zeit für jede Gelegenheit. Nun ja – Kirche, die Menschen waren in der Tat in dieser Zeit sehr gläubig, aber ein Besuch in einem normalen modernen Gottesdienst im Kostüm ist dann doch schon eher grenzwertig. Es sollten nur die in die Kirche gehen, die wirklich daran glauben und die Liturgie kennen – alles andere ist respektlos gegenüber den Gläubigen, die das ganze ja doch noch ernst nehmen. Wie sagte das Gothic-Paar, das beim Ball dabei war, beim Frühstück doch so schön: „Wenn wir in die Kirche gehen, zischt es immer so“.

Der Ball wurde mit viel Liebe zum Detail organisiert. So wurden z. B. die modernen Lampen im Palais mit Stoff verhängt und das Gebäude dann komplett mit Kerzenlicht erhellt. Dem Fotografen, der den ganzen Abend schöne Bilder schoss, bereitete das offensichtlich keine Probleme. Auch wurden Getränke in Karaffen umgefüllt und die Tische mit Obst dekoriert – Details an denen man sieht: hier ist jemand aufmerksam. Für die Gäste stand den ganzen Abend der königliche Schuhputzer Rudolf van der Meer zur Verfügung, der sich liebevoll um die Schuhe kümmerte. Das Palais ist allerdings von innen nicht allzu bezaubernd – moderne schmucklose weiße Wände und Säulen, dafür aber eine nette Treppe und ein paar Gemälde an den Wänden. Der Parkettboden ist etwas zu glatt zum Tanzen, so dass nicht allzu viel an Barocktechnik einsetzbar ist. Mit etwas über 30 Teilnehmern war es ein kleiner, fast intimer Ball, bei dem man fast mit allen im Laufe des Abends ins Gespräch kam. Insgesamt war es ein schöner Abend, auch wenn Carolas verdorbener Magen für uns das ganze etwas einschränkte – man sollte halt nichts essen was man nicht verträgt. Nächstes Jahr wird es voraussichtlich wieder einen Hofball in Zabeltitz geben, dann zu Graf Wackerbarths 350stem Geburtstag.



Tags: Playford | Tanz | Reenactment | Barock | Ball | Workshop

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Christian
Barocker Maskenball 2011 in Schloss Engers
19.11.2011 18:30:00

Ein weiterer lang gehegter Wunsch geht in Erfüllung. Der Barocke Maskenball in Schloss Engers war in den Vorjahren eigentlich immer sofort nach dem Event bereits schon wieder für das Folgejahr ausverkauft. Als es im Dezember letzten Jahres dann doch noch überraschend Karten gab, haben wir uns gesagt – der Preis für die Eintrittskarte ist zwar nicht gerade ein Schnäppchen, aber zumindest einmal müssen wir das mitmachen. Außerdem wird ja offensichtlich einiges für das Geld geboten. Die Tanzleiter der vergangenen Jahre – Jutta Voss und Niels Badenhop kennen und schätzen wir, auch die Organisatorin Ulrike Dittrich haben wir bei einem Barocktanzworkshop 2008 kennen gelernt. Von den Bildern her zu schließen, war die Qualität der Kostüme weit über dem durchschnittlichen Niveau – bei dem Preis bleiben aber zumindest die Faschingskostümverirrungen und weissen Plastikperücken ohnehin fast zwangsläufig aus. Ein Hotelzimmer im Schloss oder dem Gästehaus hatten wir bei der Anmeldung allerdings schon nicht mehr bekommen, so dass wir uns entschlossen haben, direkt nach dem Ball in der tiefen Nacht noch anderthalb Stunden zurückzufahren. Ärgerlich – später wurden dann offensichtlich immer mal wieder Zimmer frei von Leuten, die abgesagt haben, aber ohne Warteliste gab es dazu natürlich keine Informationen. Im Laufe des Jahres wurde der Ball dann immer mysteriöser. So habe ich bei meinen diversen Barocktanzworkshops eine Reihe von Leuten kennen gelernt, die entweder endlich Karten ergattern konnten und erstmalig zum Ball gehen, und andere Leute, die ein paar mal dabei waren und nun nicht mehr zum Ball gehen. Die verschiedensten Gerüchte kamen auf, wer denn nun Tanzleiter(in) sein wird, und um Veränderungen bei der Organisation – die Webseite und das Facebook-Account wurden ja offensichtlich lange nicht mehr aktualisiert. Die letzten positiven Gerüchte sollten sich dann bewahrheiten – die Organisatorin ist nach wie vor die alte, und Lieven Baert ist Tanzmeister.

Wir sind eine halbe Stunde später als ursprünglich geplant in Engers angekommen. Da wir uns erst vor Ort umziehen, kommen wir uns zunächst etwas Underdressed vor, als wir das Schloss, im Gegensatz zu den anderen Gästen, noch in Zivil betreten. Schnurstracks gehen wir ins Umkleidezimmer – das nehmen in der Tat nur wenige Gäste in Anspruch, die meisten haben wohl ein Zimmer im Ort. Nach einer Stunde Umziehen sind wir in unsere Rokokokostüme gekleidet und fühlen uns nicht mehr ganz so aschenputtelmäßig. Der Einlass ist laut Einladung ab 18 Uhr, wir sind gerade rechzeitig zur Begrüßungsveranstaltung um 18:30 Uhr fertig mit dem Umziehen. Wir schließen uns direkt der Menschenmasse an, die in den Dianasaal strömt – dieser ist dann auch recht überfüllt. Nach der Begrüßung eröffnet dort Lieven Baert mit zwei Tänzerinnen und einem Musiker in einer fulminanten Mischung aus Barocktanz und Komödie das Abendprogramm. Später wird es mit Tanz für alle weitergehen, aber zunächst zieht die Karawane zurück ins Erdgeschoss, um sich dort in verschiedenen kleinere Räumen an Tischen für das Essen zu verteilen. Rund 25 Gänge stehen auf dem Programm des Blitzmenüs. Doch leider müssen wir feststellen, dass wir schon rund die Hälfte der Köstlichkeiten verpasst haben – die wurden zwischen 18 und 18:30 Uhr als Häppchen gereicht, als wir uns noch umgezogen haben – dumm gelaufen, dass stand so leider nicht auf dem Programm. Das Essen in kleinen Portionen ist wirklich lecker, allerdings zieht es sich hin und überschneidet sich dann mitten in der Speisenfolge mit dem Tanz für alle.

Auf zum Tanz – doch der Tanzsaal ist so hoffnungslos überfüllt, dass wir auf die erste Stunde mit Tanz für alle unter dem Tanzmeister Lieven Baert verzichten müssen – so haben wir uns einen Ball eigentlich nicht vorgestellt. Nun, es gibt ja noch zwei weitere Gelegenheiten dafür und es werden ohnehin nur einfache Playfordtänze ohne eine dezidierte Barocktechnik getanzt. So ziehen wir weiter zum amourösen Kabinett, das mehr oder weniger zeitgleich stattfindet – aber auch das ist so überfüllt, dass wir keinen Platz mehr finden. Also zurück an unseren Sitzplatz, wo wir dann immerhin im Gegensatz zu den meisten anderen den nächsten Gang der Speisenfolge „Schweinelende“ ergattern. Auf den Folgegang „Lamm“ müssen wir dann allerdings verzichten, um den zweiten Teil der Aufführung von Lieven Baert und seinen Mitstreiterinnen zu bewundern. Verwundert sind wir allerdings, dass jetzt bei der zweiten Vorführung der Saal fast leer ist – die meisten Gäste sind nun wohl mit Essen beschäftigt. Auch wir essen nach der Show schnell, damit wir bei der zweiten Runde Tanz so rechtzeitig im Saal sind, um mittanzen zu können – denn dafür sind wir ja schließlich gekommen. Nun können wir uns Plätze ergattern, aber nach zwei Tänzen müssen wir leider abbrechen, weil Carola im stickigen Saal keine Luft mehr bekommt – seltsam, dabei ist sie heute gar nicht so eng geschnürt. Im ersten Stock lauschen wir dann Niels an seiner Harfe, während sich ihre Atmung wieder normalisiert. Auch die zweite Runde des amourösen Kabinetts verpassen wir, aber auch das war überfüllt. So geht es zum üppigen Dessert. Bei der letzten Runde Tanz des Abends sind wir dann endlich voll dabei. Als Tanzmeister leitet Lieven Baert die Tänze wirklich gut an, bei etwas schwereren englischen Tänzen dann auch mit Durchläufen aus beiden Positionen, wie sich das gehört. Der Tanz beschließt den offiziellen Teil des Abends, es bleibt das Umziehen und für uns der Nachhauseweg in der tiefen Nacht.

Fazit: Es ist schon ein Event, das man als Barockinteressierter einmal mitgemacht haben sollte, allerdings nur, wenn man über den Eintrittspreis nicht zweimal nachdenken muss. Die meisten Kostüme sind wirklich überdurchschnittlich gut, wenige Ausfälle bestätigen die Regel. Die echten klassischen barocken Masken – die Bauta für die Herren und die Moretta für die Damen – trägt hier allerdings keiner. Die stattdessen verwendeten prunkvoll verzierten modernen Columbina Modelle sind natürlich viel bequemer und eindruckvoller, ein Teil verzichtet auch ganz auf Masken. Das Ambiente stimmt – das Schloss bietet phantastische Räumlichkeiten, die zum Teil sogar mit Kerzenlicht erhellt werden und auch die Bedienungen tragen passende Kostüme, so bleibt alles stilgerecht. Ärgerlich ist, dass alles parallel läuft und man zwangsläufig an dem Abend irgendwas verpasst. Die kleinen Essensportionen, auf die man zum Teil lange wartet, sind zwar sehr lecker, aber z. B. eine kleine Hähnchenkeule nur mit einer Gabel zu essen, ist eher schwierig. Und auch hier verpasst man durch die Parallelität von Essen und anderen Events zwangsläufig etwas. Die Tanzaufführungen waren natürlich gut. Der Tanz für alle – gelaufene Playfords ohne jede Barocktechnik, dazu an diesem Abend mit Musikkonserven ist nichts, für das man als Barocktanzinteressierter so viel Geld ausgeben sollte. Für den Eintritt kann man auch ersatzweise auf einen mehrtägigen Workshop gehen. Gut, was will man auf so einem Ball heutzutage als Tanz für alle sonst machen? – Dass die Leute Barocktanz beherrschen, kann man ja nicht voraussetzen. Aber zumindest Livemusik hätte ich hier für den Preis erwartet – eine Minicombo mit drei Musikern hätte es ja schon getan. Am ärgerlichsten – viel zu viele Menschen für den Ballsaal, und das ist für einen Ball dieser Art fatal. Durch die Kostüme hat man ohnehin einen anderen Raumbedarf, mit halb so vielen Leuten hätte man auch richtig tanzen können. Aber man darf halt nicht vergessen, es ist ein kommerzielles Event, das zwangsläufig darauf ausgerichtet ist, mindestens eine schwarze Zahl zu erzielen. Klar ich würde mir bei „Barockbällen“ den gleichen hohen Standard wünschen, den z.B. die Bälle im SCD haben – mit einem vorher veröffentlichten Tanzprogramm, mit Tänzern, die eine gute Technik haben und die Tänze beherrschen, mit einem gut durchstrukturierten Ablauf. Einen echten Barockball, wie er wirklich früher durchgeführt wurde, würde sicherlich heute allerdings eher kaum einer ertragen; genauso wenig, wie die hygienischen Umstände und den Gestank der damaligen Zeit – so sind wir heute auf derartige Surrogate angewiesen. Auch bei ein paar Kritikpunkten bleibt es natürlich ein tolles Event, das in seiner Kategorie sicherlich einen der ganz oberen Plätze einnimmt.



Tags: Reenactment | Ball | Barock | Playford | Tanz

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Christian
Tanzworkshop und 2. Residenzball Dillenburg
29.10.2011 09:00:00

Am 29. Oktober 2011 veranstaltet die Projektgruppe Leben im 18. Jahrhundert des Museumsverein Dillenburg e.V. zusammen mit der Gesellschaft für Hessische Militär und Zivilgeschichte e.V. zum zweiten Mal einen Residenzball. Der erste Ball in diesem Jahr, zu dem wir leider nicht kommen konnten, war ein so großer Erfolg, dass gleich die Planung für einen zweiten Ball in Angriff genommen wurde. Wir sind nun diesmal mit dabei, was uns besonders freut, da wir neben dem historischen Tanzen, das wir schon länger betreiben, auch ins Reenactment einsteigen möchten. Bälle sind natürlich eine prima Gelegenheit für eine militärische Reenactmentgruppe, endlich auch die Frauen mit einzubeziehen und für eine Gruppe, die sich um die Zivildarstellung kümmert, ist das sicher ein Jahreshöhepunkt. Wir sind positiv überrascht, dass so viele junge Leute mit dabei sind und der Männer- und Frauenanteil bei diesem Event sehr ausgewogen ist. Aber erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen. Vor dem Ball beginnt es erst einmal in aller Frühe um 9 Uhr mit einem Tanzworkshop. Der Tanzmeister Frank Ditzel (AKA Freiherr vom Steinacker) vom Potsdamer Rokoko e.V. leitet durch den Tag, zeitweilig ist das für ihn sicherlich wie Flöhe hüten. Am Vormittag stehen drei Stunden mit Contratänzen französischen Ursprungs auf dem Programm, die überwiegend dem Recueil de Contredances (1706) entstammen wie „La bone Amitié“ und „La Matelote“. Neben dem Aufwärmen machen wir auch ein wenig Techniktraining (Menuett-, Bourrée- und Gavotteschritt). Nach einem Mittagsimbiss geht es noch einmal dreieinhalb Stunden weiter mit Englischen Tänzen, vornehmlich aus den Playford Bänden (1651-1728) wie „Mr. Beveridge's Maggot“, „Portsmouth“ und „Jacks Maggot“. Insgesamt hatte Frank 14 Tänze für den Ball vorgesehen, die wir aber nicht alle an diesem Tag lernen. Unter den gelernten Tänzen sind durchaus auch so komplizierte Dinge wie „Newcastle“ oder ein „Menuett Sabina“, dessen Grundschritt sicherlich für viele Einsteiger noch recht schwer ist. Für einige ist dieser Ball der Erst- oder Zweitkontakt mit historischem Tanz, dafür schlagen sich alle schon ganz wacker.

In der Umziehpause vor dem Ball dann für uns der große Schock – Carola hat ihre Poschen vergessen. Die liegen bei ihr Zuhause und warten darauf repariert zu werden, denn die Stäbe haben mittlerweile schon Löcher aus ihren Tunneln heraus gebohrt. Volkmar, der Organisator des Balls, versucht noch vergeblich kurzfristig ein paar Poschen zu besorgen, auch Kissen ziehen wir als Notersatz in Erwägung. Bei der Anprobe des Kostüms stellen wir dann fest: mit etwas hochstecken geht es zur Not auch und für uns ist der Abend gerettet. Sehr gespannt sind wir natürlich bei einer Reenactmentgruppe auch auf die anderen Kostüme. Die Herren sind ja dank ihrer Uniformen schon gut ausgestattet. Die Damenkostüme sind hingegen größtenteils ausgeliehen und durchaus noch entwicklungsfähig. Zugegeben, ein historischer Aufbau mit Chemise, Schnürbrust, Poschen (oder Taschen und Panier), Jupe, Robe, Stecker usw. ist recht aufwendig, sollte aber doch das Ziel bleiben. Nun gut, so bleiben die feschen Herren die Stars des Abends.

Der Ball wird dann gegen 19 Uhr vom Zeremonienmeister mit der Vorstellung der (historischen) Ballteilnehmer eröffnet. Da wir noch an keiner Rolle für das 18te Jahrhundert gearbeitet haben, sind wir erst einmal bei unserem bürgerlichen Namen geblieben. Und ohne Titel werden wir natürlich erst fast ganz zum Schluss aufgerufen. Ganz so streng historisch geht es an diesem Abend glücklicherweise noch nicht zu, das hätte auf unserer Seite auch noch etwas an Übung und Wissen erfordert – aber daran werden wir arbeiten. Der Zeremonienmeister leitet dann auch weiter zusammen mit dem Tanzmeister durch den Abend. Los geht es mit dem Tanzen zunächst mit einer Polonaise, dann kommt das Menuett und nach ein paar weiteren Tänzen ist es dann schon Zeit für das abendliche Büffet. Bei den diesmal nur rund 40 Teilnehmern ist es dann nicht ganz so üppig ausgefallen wie beim ersten Ball, die Wahl zwischen Fisch und Schnitzel ist für mich als Nichtfischesser einfach. Aber eine schöne umfangreiche Salatauswahl gibt es, und das ist ja fürs Tanzen eine gute Sache. In der Pause spielt sogar eine Harfenistin für uns. Weiter geht es mit dem Tanzen dann noch bis Mitternacht, wobei nicht alle bis zum Schluss dabei geblieben sind – es war ja auch ein langer Tag. Wir haben einen schönen Tag verbracht und nette Menschen kennen gelernt. Ich hoffe, die Dillenburger setzen ihre Bälle fort.



Tags: Reenactment | Barock | Ball | Workshop | Tanz | Playford

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