Christian Griesbeck

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Christian
Ein Schwanensee in Neu-Isenburg
11.12.2012 19:00:00

Winterzeit – Ballettzeit, das meinen offensichtlich die vielen Balletttruppen, die in dieser Jahreszeit mit einer Handvoll von Ballettgassenhauern durchs Land tingeln und die Plakatwände zieren. Gut, es ist noch nicht mal eine Handvoll von Stücken, eigentlich sind es immer nur die beiden Tschaikowsky Ballette „Schwanensee“ und „Nussknacker“ die garantiert die Hallen füllen. Bei „Romeo und Julia“ oder „Dornröschen“ wird es schon schwierig und das Dutzend anderer absoluter Ballettklassiker, die wir haben, wird von den Tourneetruppen schon vorsichtshalber gar nicht angefasst. Beide Stücke sind selbstverständlich schön – keine Frage, und als „Einstiegsdroge“ sehr geeignet, um kleine Mädchen mit dem Ballettvirus zu infizieren, es wäre aber natürlich auch toll, mal die ganzen anderen Klassiker live sehen zu können. Also heute ein Schwanensee in Neu-Isenburg – fast wäre es ein Schwanensee in Höchst geworden, denn für dort hatten wir einen „zwei für eins“ Gutschein, aber der Termin war schon verplant. In der Jahrhunderthalle Höchst wäre es das „Russische Staatsballett“ gewesen, hier in der Hugenottenhalle Neu-Isenburg ist es das „Russische Klassische Staatsballett“ und die Karten sind deutlich günstiger. Mit dem Russischen Staat haben beide Truppen aber wohl nichts zu tun, genau so wenig wie das Bolschoi Staatsballett Belarus (ganz groß Bolschoi ganz klein Belarus – ebenfalls mit Schwanensee auf Tour) mit dem Bolschoi Ballett Moskau. Was bekommt man hier nun für den deutlich günstigeren Preis geboten? Keine Frage, gut tanzen können sie alle, und die Ballettschulen produzieren eine ausreichende Menge von hervorragendem Nachwuchs, um neben den Traumtheatern auch noch all die Tourneetruppen zu füllen. Angenehm ist, dass die Hugenottenhalle kleiner ist als die Jahrhunderthalle, und nachdem wir auf eine erhöhte Reihe umgezogen sind, haben wir auch einen tollen Blick auf die etwas kleinere Bühne. Aber es gibt auch deutliche Abstriche, die Musik kommt hier vom Band – das zudem nicht mehr auf der Höhe der Zeit klingt. Die Kostüme sind einfacher, das sieht sehr danach aus wie das, was die einschlägigen Ausstatter in ihren Katalogen haben. Tanzen kann die Truppe, keine Frage, aber was ich immer wieder vermisse, ist die Synchronität als Gruppe, das korrekte Timing und die Gleichförmigkeit der Winkel. Die Pas de deux wirken für mich etwas unmotiviert, warum Odette ein gefühltes Dutzend Mal in die Luft gehoben wird und dabei die Beine spreizt oder an anderer Stelle immer wieder Siegfried das Bein vor die Nase streckt, erschließt sich mir nicht. Effekte? – einmal etwas Rotlicht für Rotbart, immerhin wird bei jedem Bild das Prospekt gewechselt. Etwas mehr als nur einen Vorhang zum Schluss hat die Truppe aber in jedem Fall verdient. Woran liegt es? Ist es ein Publikum, das sonst auch am Beginn des Nachspanns aus dem Kino rennt? Oder ist es das flaue Gefühl, das der Name hinterlässt? Sehr sympathisch finde ich dass, laut Programmheft, Kinderworkshops angeboten werden, die einen Einblick in die Theaterwirklichkeit geben. Sehr ärgerlich finde ich, dass das Publikum es nicht lassen kann, mit seinen Handys Bilder und Filme während der Aufführung zu machen.




Tags: Tanz | Zuschauer | Ballett