Christian Griesbeck

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Christian
Symposium „Mannheim - Musik - Tanz“
30.11.2012 13:15:00

Unter dem Titel „Mannheim – Musik – Tanz“ findet vom 30.11. bis 1.12.2012, anlässlich des 250jährigen Jubiläums der Gründung der Académie de Danse, an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim ein zweitägiges Symposium statt. Den Auftakt des Symposiums bildet ein kleiner Beitrag der Akademie des Tanzes: „Vier Jahreszeiten“ mit einer Choreographie von Selatin Kara auf die Musik von Antonio Vivaldi. Die Studierenden der Akademie tanzen mit der Abfolge „Frühling“ – als große Gruppenchoreographie, „Sommer“ – in kleiner Besetzung, „Herbst“ – als Solotanz und „Winter“ - nochmals in der Gruppe. Nach diesem ersten Tanzteil eröffnet Herr Meister, der Präsident der Hochschule, das Symposium. Gleich zu Beginn gibt es leider eine kleine Enttäuschung – der Eröffnungsvortrag von Frau Busch-Salmen „unzählige Tänzer und Sänger... – Tanz und Ball am Mannheimer Hof“, muss wegen Erkrankung ausfallen und das Programm etwas umgestellt werden. Schade, der Vortrag hätte mich und einige anwesende Freunde und Bekannte, die aus der historischen Tanzpraxis kommen, natürlich besonders interessiert. So ist es an Herrn Betzwieser, den Reigen der Vorträge zu eröffnen. Unter dem Titel „Tänzer in Partituren – Anmerkungen zur Mannheimer Ballettkomposition“ untersucht er das Verhältnis von musikalischer Form und Tanzkonzeption in den Werken von Komponisten der Mannheimer Schule. Mannheim kann sich durchaus an der Ballettavantgarde der damaligen Zeit (Stuttgart und Wien) messen lassen. Auf ihn folgt Frau Walsdorf mit ihrem vorgezogenen Vortrag „Tanz im Mannheimer Jesuitentheater (1735-1773). Eine Spurensuche“. Spuren zu finden ist nicht mehr ganz einfach, weil ein großer Teil der Unterlagen dazu einem Brand zum Opfer gefallen ist, dennoch lassen sich einige Hinweise dafür finden, dass im Mannheimer Jesuitentheater getanzt wurde. Die Aufführungen wurden von den Schülern der Jesuitenschule bestritten und verlangten den Zuschauern sicher einiges an Sitzfleisch ab, die Szenarien stammen von den Jesuiten und sind für unsere heutigen Ohren zum Teil etwas abstrus. Nach der ersten kleinen Kaffeepause begrüßt uns auch Frau Keil, die Leiterin der Akademie des Tanzes. Weiter geht es mit dem Vortrag „Ballett in Schwetzingen. Glucks Cythère assiégée und Laucherys choreographische Anmerkungen“ von Frau Leopold. Dazu ist ein gedrucktes Szenario mit handschriftlichen Anmerkungen erhalten; da darin auch Notizen zum Ablauf hinter der Bühne notiert sind, kann es sich tatsächlich um Laucherys eigenes Exemplar handeln. Auch mit der Frage, wer die angegebenen Aufführenden waren und in welchem Verhältnis sie zu Lauchery standen, befasst sich der Tagungsbeitrag. Als letzter Vortrag des ersten Tages beschäftigt sich Herr Malkiewicz mit „Étienne Lauchery. Choreographische Beschreibungen aus dem Berliner Manuskript“. Das Berliner Manuskript ist eines der wenigen erhaltenen choreographischen Skizzenbücher aus dem frühen 19ten Jahrhundert, und ein Teil der Choreographien kann den Laucherys zugeordnet werden. Dabei zieht er eine Reihe von weiteren Quellen, wie Noten oder Theaterzettel, aus der Zeit heran und es interessant zu sehen, wie sich langsam ein Bild ergibt. Nach einer längeren Pause gibt es am Abend eine weitere Ballettaufführung der Studierenden der Akademie des Tanzes. Mit Ausschnitten aus dem Ballett „Coppélia“, drei Eigenchoreographien der Studierenden: „Runway“, „Steps between Steps“ und „Part Q“, dem Stück „Burn it Blue“, einer sehr verwickelten „Polka“, und der Flamencochoreographie „Contrapunto“ demonstriert die Akademie ihre Leistungsfähigkeit.

Der zweite Tag beginnt quasi mit einem „Mannheimer Heimspiel“, Herr Schipperges referiert in einem lockeren Vortrag (genau das Richtige für den frühen Morgen) über „Mozart – Menuett – Mannheim“ – er begibt sich auf fröhliche Spurensuche anhand der Frage: „Welche seiner Menuette Mozart denn wohl bei seinen Aufenthalten in Mannheim geschrieben hat?“ Weiter geht es mit Herrn Rothkamm und seinem Vortrag: „Originäre Ballettmusik im langen 19. Jahrhundert in Mannheim am Beispiel von Josef Bayers Puppenfee“. Die „Puppenfee“ erfreute sich trotz (oder vielleicht gerade wegen) ihrer eher dünnen Handlung und nicht sehr einfallsreichen Musik nicht nur in Wien, sondern auch in Mannheim des 19ten Jahrhunderts großer Beliebtheit, dafür findet er mehrere gute Gründe. Den Sprung ins frühe 20ste Jahrhundert nimmt das Symposion schließlich mit Frau Schulze und ihrem Vortrag „‚Morgen trocken, bei wechselnder Bewölkung’. Isadora Duncan, Mannheim und ‚Der Tanz der Zukunft’“. Das Wetter spielte beim dem für diese Zeit (1907) recht exotischen Open-Air Auftritt „Ein attisches Fest“ von Isadora Duncan in Mannheim natürlich eine gewisse Rolle und hatte doch noch ein Einsehen – der Auftritt wurde ein Erfolg und kurzfristig wiederholt. Im Anschluss spricht Frau Homering über „Mary Wigman in Mannheim“. Von einer Mannheimer Theaterproduktion mit zwei Orffstücken („Catulli Carmina“ und „Carmina Burana“) ist ein choreographisches Skizzenbuch Wigmans erhalten, das neben vielen Fotos Basis für eine Teilrekonstruktion in den Reiss-Engelhorn Museen Mannheim bildet. In der Zeit (1955) hatte Mary Wigman ihre tänzerischen Höhepunkte schon hinter sich gelassen und arbeite sich als Choreographin an den Mannheimer Balletttänzern ab, die für ihre moderne Art des Tanzes ungeeignet schienen. Die Nachmittagsrunde leitet Herr Arndt mit dem Vortrag „Zwischen Revuefilm und Jazz-Ballett: Caterina Valente und Wolfgang Lauth“ ein. Wolfgang Lauth machte Musik für populäre Filme, aber auch für die beliebten Jazz-Ballett-Abende am Mannheimer Theater. Im Vortrag von Frau Krause „Sich tanzend Erfahrungsräume öffnen. Überlegungen zum Potential von Tanz für musikbezogene Bildung in Schule und Hochschule“ geht es um die Möglichkeiten der Integration von Tanz im Musikunterricht. Den Abschluss des Symposions bildet eine Podiumsdiskussion „Von Lisa Kretschmar bis Birgit Keil - (fast) ein halbes Jahrhundert Musik, Tanz und Tanzpädagogik an der Akademie des Tanzes“. Interessant sind die sich im Gespräch ergebenen Informationen zum Wiederaufbau und zur Umgestaltung der Tanzabteilung der Hochschule. Schön wäre es natürlich gewesen, noch etwas über die frühe Geschichte der „Académie de Danse“ zu erfahren, die als eine der ersten in Europa gegründet wurde. Auch eine noch direktere Verbindung zwischen der Musikwissenschaft und der Tanzpraxis wäre natürlich für mich als Praktiker toll gewesen. Tanzgeschichte als lebendige Bewegung hat natürlich noch einmal eine andere Qualität, aber es war ja in erster Linie eine Veranstaltung der Musikwissenschaft und Musikpädagogik.




Tags: Symposion | Tanz