Christian Griesbeck

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Start Blog Christian Workshop - Plaisirs innocents - Contredanses parisiennes unter der Régence (1715-1723)
Christian
Workshop - Plaisirs innocents - Contredanses parisiennes unter der Régence (1715-1723)
01.11.2012 10:00:00

Das ist für mich jetzt bereits der dritte Barocktanzkurs in Bad Rappenau – der diesmal aber leider nur drei Tage kurz ist. Unter dem Thema „Plaisirs innocents - Contredanses parisiennes unter der Régence (1715-1723)“ lernen wir 12 der mehr als 40 Tänze aus den beiden kürzlich wieder in die Tanzwelt gekommen Durlacher Manuskripten. Drei der Tänze hatte Nicoline Winkler ja bereits auf dem Rothenfelser Tanzsymposion vorgestellt, vielleicht waren diese zu einfach und zeigten nicht die volle Pracht der anderen Tänze, um für den jetzigen Workshop mehr Teilnehmer anzuziehen, aber dort hatte sie ja auch nur 90 Minuten Zeit. So sind wir fünf Damen und fünf Herren plus Nicoline – zumindest eine Person mehr wäre natürlich toll gewesen, denn die meisten Tänze im Manuskript sind für zwei Paare. Bei genauerem Blick ist die Chorégraphie Durlach MS 209/210 eine echte Schatzkiste. Anders als bei den meisten in Feuillets Raumwegnotation veröffentlichten Kontratänzen (z.B. in dem „Recueil de Contredances“ von Feuillet, 1706 oder dem „Recueil de nouvelles contredances“ von Dezais, 1712) gibt es hier jeweils einiges an in normaler Feuillet Notation hinzugefügter Verzierung, was die Tänze viel spritziger macht. Meist sind das zwar nur „des Balancer“ oder „un pas de Rigaudon“, die der Schrittkatalog am Anfang von MS 209 aufführt, aber es finden sich auch in den Tänzen einige spezifische Schritte, und das Manuskript verwendet ein Symbolkatalog für Figuren wie „le Moulinet“ oder „le Ronde“ die bei Feuillet noch als Bodenwege notiert werden. Außerdem ist oft Text mit Anweisungen hinzugefügt, der die Wiederholungsstrukturen beschreibt oder explizit sagt, dass Seitwärtsbewegungen mit „Chasez“ auszuführen sind. Rund dreiviertel der Tänze sind in Cotillonaufstellung für zwei Paare oder manchmal vier Paare, der Rest ist in Longwayaufstellung (oft für eine feste Zahl von Paaren), zusätzlich findet sich eine Branlesuite mit vier Tänzen. Was leider auch in diesem Manuskript fehlt, ist die Angabe ob für die nicht geraden Wege pas de bourrée oder die laut Feuillet häufigeren demi contretemps zu verwenden sind, allerdings finden sich interessanterweise Stellen mit geraden Wegen, wo explizit pas de bourrée oder zwei demi contretemps notiert sind (die dann statt dem Gavotteschritt auszuführen sind).

Der Schwierigkeitsgrad der Tänze an diesen drei Tagen ist unterschiedlich. Die beiden einfachen echten Longways mit Progression „for as many as will“ in der Art wie man sie auch bei Feuillet finden könnte, sind „Le Moulin de Javel“ (mit zwei tanzenden Paaren) und „La Friande“ (mit drei tanzenden Paaren). „La Faridondene“ ist ein schöner Dreipaartanz in Longwayaufstellung bei dem das erste Paar zunächst mit allen drei Paaren einen A-Teil tanzt und dann, nach einer ersten Progression, einen B-Teil aus Platz zwei nur mit dem dritten Paar tanzt, um nach einer weiteren Progression auf Platz drei zu landen. „Le Cordon Bleu“ ist ein einfacher Tanz in Longwayaufstellung, aber ohne Progression, der schon den für Cotillons typischen Strophen-Refrain-Wechsel hat, wobei die erste Strophe noch wie im Englischen Tanz ein „advance and retire“ ist. Einfachere Cotillons in Carreaufstellung mit mehr oder weniger typischem Ablauf sind „le Corrillon dauteüil“, „La Tetar“, „La Bohaimiene“ und „Le Nouveau Pistolet“ (die beiden letzteren haben wir bereits in Rothenfels getanzt). Der Tanz „les quatres faces ou la Danse d’hier“ mischt eine Strophe im Menuettschritt mit einem Refrain im Gavotteschritt (ihn haben wir ebenfalls in Rothenfels getanzt). Nicht alle Tänze in Carreaufstellung in der Durlacher Handschrift haben den üblichen Cotillonaufbau mit dem festgefügten Strophe-Refrain-Wechsel. So folgt z.B. „La Blonde, La Brune“ einer ABA-Form (Blonde, Brune, Blonde). „La Brillante“ folgt keiner Wiederholungsstruktur, das hübsche Feuerwerk ist so schon nach 75 Sekunden vorbei. Ebenfalls sehr schön ist „Le Poivre“, einer der beiden Tänze für vier Paare im Square-Set aus der Sammlung, wobei die Damen jeweils zuerst den Beginn des Refrains und das erste Auftauchen der jeweiligen Strophen-Figur tanzen dürfen. Ein kleiner Teil der Tänze ist sogar vollständig in Tanzschrift durchnotiert – auch hier sind noch Schätze zu heben, denn ausnotierte Tänze zu viert in Feuillet Notation sind selten und sie geben uns einen wichtigen Einblick in das Schrittmaterial. Einen davon, „La Bergere“ tanzen wir im Anschluss an den Workshop noch kurz zu dritt an. Den Abschluss bildet diesmal das fast schon traditionelle Zwiebelkuchenessen. Fazit des leider wieder viel zu schnell vergangenen Workshops: viele schöne neue Tänze, eine echte Bereicherung für die Barocktanzszene und noch vieles, was es in den Manuskripten zu entdecken gilt.




Tags: Workshop | Tanz | Barock | Playford