Christian Griesbeck

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Christian
Le Carrousel de Sanssouci
21.07.2012 20:00:00

Das „Carrousel de Berlin“ von 1750 war sicherlich eins der beeindruckendsten Pferdeballette seiner Zeit. Anlässlich des 300. Geburtstag von Friedrich dem Grossen wurde mit dem „Carrousel de Sanssouci“ eine Art Wiederauflage dieses Ereignisses geplant. Klar, ein nachgestelltes Pferdeballett wie im Barock oder dem Rokoko sieht man nicht alle Tage und für jemanden, den die Epoche interessiert ist das sicherlich eines der Topereignisse des Jahres – also nichts wie hin. Wer nun eine akribische Rekonstruktion eines Barocken Pferdeballetts erwartete, wird enttäuscht, „Le Carrousel de Sanssouci“ ist eher ein Pferdemusical, das verschiedene Elemente für den modernen Geschmack verknüpft. Es gibt eine Bühnenhandlung mit einem Hofstaat, der auch mal tanzt und singt, dazu Voltaire, der Französisch labert, etwas modernes Ballett, eine eingeflochtene historische Liebesgeschichte und natürlich in erste Linie die Reiterei in der Arena. Und klar, die Massen an Darstellern und die Qualität der Kostüme von 1750 kann heute keiner mehr bezahlen, so dass notwendigerweise alles in einer dem heute möglichen Budget angepassten Version ablaufen muss. So rückt die Fürstliche Hofreitschule Bückeburg mit 21 Reitern statt der 200 beim historischen Ereignis an. Die Musik kommt von den zehn Potsdamer Turmbläsern und dem auf sieben Musikern aufgestockten Ensemble Celeste Sirene. Aber für eine wirklich originalgetreue Rekonstruktion fehlt uns heute, neben dem Geld, leider ohnehin auch eine Menge an Informationen. Eine Choreographie und die Musik sind leider nicht mehr vorhanden – aber neben verbalen Beschreibungen sind für das Carrousel von 1750 immerhin einige originale Kostümentwürfe erhalten. Die Frage ist natürlich letztlich auch, ob das heutige Durchschnittspublikum eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion nicht viel zu langweilig finden würde – ging es damals doch wohl vor allem darum, der Welt Reichtum und militärische Macht von Preußen zu präsentieren.

Glücklicherweise sagt der Regen zu Beginn der Veranstaltung nur mal kurz „Hallo“, danach bleibt es trocken, aber viel zu kalt für einen Juliabend. Nach einem Willkommensgruß schreitet zunächst der Hofstaat auf die Bühne, dann reiten die Stars des Abends – die Pferdequadrillen ein. Es gibt vier Quadrillen, die jeweils eins der großen Kriegervölker der Antike repräsentieren – Römer, Griechen, Karthager und Perser. Wir sehen verschiedene Dressurkunststücke, ein kleines modernes Ballett zu einer Jagdarie und schließlich die hohe Kunst der Pferde am langen Zügel. Der Hofstaat versucht sich an einem Menuett und das Liebespaar des Abends reitet einen Pas de Deux zu Pferd – die Dame dabei in elegantem Damensattel. Sie ist die einzige als Dame reitende Frau des Abends, denn auch wenn sich heute überwiegend Frauen in den Sattel schwingen, war das Carrousel damals natürlich Männersache. Es handelt sich um eine echte, wenn auch etwas dramatisierte, Liebesgeschichte aus der damaligen Zeit – der schottische Adlige Patrick Home of Billie war auf seiner „Grand Tour“ durch Europa und durfte 1750 beim Carrousel in Berlin mitreiten, er verliebte sich unglücklich in die für ihre Schönheit bekannte Hofdame Sophie von Brandt. Nach einer weiteren Arie mit modernem Ballett kommt der Höhepunkt des Abends – das eigentliche Pferdeballett. Die 16 Reiter der Quadrillen führen in der Arena rund 10 Minuten lang verschiedene Raumfiguren zur Musik vor. Nach einer Pause ist der zweite Teil des Abends dem Wettkampf gewidmet. Es gibt eine Fechtquadrille und im Waffengarten sind verschiedene Prüfungen zu bestehen. Umrahmt von jeweils einem Intermezzo mit einer Arie und dem tanzenden Hofstaat findet schließlich ein Tjost zu Pferde statt. Hier gehen einige Lanzen zu Bruch, bis sich ein Sieger findet. Nach der Siegerehrung gibt es noch einmal ein großes Finale, wo sich zum Schluss auch das Maskottchen der Hofreitschule – ein Shetlandpony noch einmal seinen Applaus abholen kann. Insgesamt eine gelungene Veranstaltung, die wohl ihre Nachfolger finden wird, denn an der Wiederaufführung der barocken Pferdeballette gibt es noch einiges zu forschen und zu entdecken.




Tags: Zuschauer | Barock | Rokoko