Christian Griesbeck

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Blog Christian Barocker Maskenball 2011 in Schloss Engers
Christian
Barocker Maskenball 2011 in Schloss Engers
19.11.2011 18:30:00

Ein weiterer lang gehegter Wunsch geht in Erfüllung. Der Barocke Maskenball in Schloss Engers war in den Vorjahren eigentlich immer sofort nach dem Event bereits schon wieder für das Folgejahr ausverkauft. Als es im Dezember letzten Jahres dann doch noch überraschend Karten gab, haben wir uns gesagt – der Preis für die Eintrittskarte ist zwar nicht gerade ein Schnäppchen, aber zumindest einmal müssen wir das mitmachen. Außerdem wird ja offensichtlich einiges für das Geld geboten. Die Tanzleiter der vergangenen Jahre – Jutta Voss und Niels Badenhop kennen und schätzen wir, auch die Organisatorin Ulrike Dittrich haben wir bei einem Barocktanzworkshop 2008 kennen gelernt. Von den Bildern her zu schließen, war die Qualität der Kostüme weit über dem durchschnittlichen Niveau – bei dem Preis bleiben aber zumindest die Faschingskostümverirrungen und weissen Plastikperücken ohnehin fast zwangsläufig aus. Ein Hotelzimmer im Schloss oder dem Gästehaus hatten wir bei der Anmeldung allerdings schon nicht mehr bekommen, so dass wir uns entschlossen haben, direkt nach dem Ball in der tiefen Nacht noch anderthalb Stunden zurückzufahren. Ärgerlich – später wurden dann offensichtlich immer mal wieder Zimmer frei von Leuten, die abgesagt haben, aber ohne Warteliste gab es dazu natürlich keine Informationen. Im Laufe des Jahres wurde der Ball dann immer mysteriöser. So habe ich bei meinen diversen Barocktanzworkshops eine Reihe von Leuten kennen gelernt, die entweder endlich Karten ergattern konnten und erstmalig zum Ball gehen, und andere Leute, die ein paar mal dabei waren und nun nicht mehr zum Ball gehen. Die verschiedensten Gerüchte kamen auf, wer denn nun Tanzleiter(in) sein wird, und um Veränderungen bei der Organisation – die Webseite und das Facebook-Account wurden ja offensichtlich lange nicht mehr aktualisiert. Die letzten positiven Gerüchte sollten sich dann bewahrheiten – die Organisatorin ist nach wie vor die alte, und Lieven Baert ist Tanzmeister.

Wir sind eine halbe Stunde später als ursprünglich geplant in Engers angekommen. Da wir uns erst vor Ort umziehen, kommen wir uns zunächst etwas Underdressed vor, als wir das Schloss, im Gegensatz zu den anderen Gästen, noch in Zivil betreten. Schnurstracks gehen wir ins Umkleidezimmer – das nehmen in der Tat nur wenige Gäste in Anspruch, die meisten haben wohl ein Zimmer im Ort. Nach einer Stunde Umziehen sind wir in unsere Rokokokostüme gekleidet und fühlen uns nicht mehr ganz so aschenputtelmäßig. Der Einlass ist laut Einladung ab 18 Uhr, wir sind gerade rechzeitig zur Begrüßungsveranstaltung um 18:30 Uhr fertig mit dem Umziehen. Wir schließen uns direkt der Menschenmasse an, die in den Dianasaal strömt – dieser ist dann auch recht überfüllt. Nach der Begrüßung eröffnet dort Lieven Baert mit zwei Tänzerinnen und einem Musiker in einer fulminanten Mischung aus Barocktanz und Komödie das Abendprogramm. Später wird es mit Tanz für alle weitergehen, aber zunächst zieht die Karawane zurück ins Erdgeschoss, um sich dort in verschiedenen kleinere Räumen an Tischen für das Essen zu verteilen. Rund 25 Gänge stehen auf dem Programm des Blitzmenüs. Doch leider müssen wir feststellen, dass wir schon rund die Hälfte der Köstlichkeiten verpasst haben – die wurden zwischen 18 und 18:30 Uhr als Häppchen gereicht, als wir uns noch umgezogen haben – dumm gelaufen, dass stand so leider nicht auf dem Programm. Das Essen in kleinen Portionen ist wirklich lecker, allerdings zieht es sich hin und überschneidet sich dann mitten in der Speisenfolge mit dem Tanz für alle.

Auf zum Tanz – doch der Tanzsaal ist so hoffnungslos überfüllt, dass wir auf die erste Stunde mit Tanz für alle unter dem Tanzmeister Lieven Baert verzichten müssen – so haben wir uns einen Ball eigentlich nicht vorgestellt. Nun, es gibt ja noch zwei weitere Gelegenheiten dafür und es werden ohnehin nur einfache Playfordtänze ohne eine dezidierte Barocktechnik getanzt. So ziehen wir weiter zum amourösen Kabinett, das mehr oder weniger zeitgleich stattfindet – aber auch das ist so überfüllt, dass wir keinen Platz mehr finden. Also zurück an unseren Sitzplatz, wo wir dann immerhin im Gegensatz zu den meisten anderen den nächsten Gang der Speisenfolge „Schweinelende“ ergattern. Auf den Folgegang „Lamm“ müssen wir dann allerdings verzichten, um den zweiten Teil der Aufführung von Lieven Baert und seinen Mitstreiterinnen zu bewundern. Verwundert sind wir allerdings, dass jetzt bei der zweiten Vorführung der Saal fast leer ist – die meisten Gäste sind nun wohl mit Essen beschäftigt. Auch wir essen nach der Show schnell, damit wir bei der zweiten Runde Tanz so rechtzeitig im Saal sind, um mittanzen zu können – denn dafür sind wir ja schließlich gekommen. Nun können wir uns Plätze ergattern, aber nach zwei Tänzen müssen wir leider abbrechen, weil Carola im stickigen Saal keine Luft mehr bekommt – seltsam, dabei ist sie heute gar nicht so eng geschnürt. Im ersten Stock lauschen wir dann Niels an seiner Harfe, während sich ihre Atmung wieder normalisiert. Auch die zweite Runde des amourösen Kabinetts verpassen wir, aber auch das war überfüllt. So geht es zum üppigen Dessert. Bei der letzten Runde Tanz des Abends sind wir dann endlich voll dabei. Als Tanzmeister leitet Lieven Baert die Tänze wirklich gut an, bei etwas schwereren englischen Tänzen dann auch mit Durchläufen aus beiden Positionen, wie sich das gehört. Der Tanz beschließt den offiziellen Teil des Abends, es bleibt das Umziehen und für uns der Nachhauseweg in der tiefen Nacht.

Fazit: Es ist schon ein Event, das man als Barockinteressierter einmal mitgemacht haben sollte, allerdings nur, wenn man über den Eintrittspreis nicht zweimal nachdenken muss. Die meisten Kostüme sind wirklich überdurchschnittlich gut, wenige Ausfälle bestätigen die Regel. Die echten klassischen barocken Masken – die Bauta für die Herren und die Moretta für die Damen – trägt hier allerdings keiner. Die stattdessen verwendeten prunkvoll verzierten modernen Columbina Modelle sind natürlich viel bequemer und eindruckvoller, ein Teil verzichtet auch ganz auf Masken. Das Ambiente stimmt – das Schloss bietet phantastische Räumlichkeiten, die zum Teil sogar mit Kerzenlicht erhellt werden und auch die Bedienungen tragen passende Kostüme, so bleibt alles stilgerecht. Ärgerlich ist, dass alles parallel läuft und man zwangsläufig an dem Abend irgendwas verpasst. Die kleinen Essensportionen, auf die man zum Teil lange wartet, sind zwar sehr lecker, aber z. B. eine kleine Hähnchenkeule nur mit einer Gabel zu essen, ist eher schwierig. Und auch hier verpasst man durch die Parallelität von Essen und anderen Events zwangsläufig etwas. Die Tanzaufführungen waren natürlich gut. Der Tanz für alle – gelaufene Playfords ohne jede Barocktechnik, dazu an diesem Abend mit Musikkonserven ist nichts, für das man als Barocktanzinteressierter so viel Geld ausgeben sollte. Für den Eintritt kann man auch ersatzweise auf einen mehrtägigen Workshop gehen. Gut, was will man auf so einem Ball heutzutage als Tanz für alle sonst machen? – Dass die Leute Barocktanz beherrschen, kann man ja nicht voraussetzen. Aber zumindest Livemusik hätte ich hier für den Preis erwartet – eine Minicombo mit drei Musikern hätte es ja schon getan. Am ärgerlichsten – viel zu viele Menschen für den Ballsaal, und das ist für einen Ball dieser Art fatal. Durch die Kostüme hat man ohnehin einen anderen Raumbedarf, mit halb so vielen Leuten hätte man auch richtig tanzen können. Aber man darf halt nicht vergessen, es ist ein kommerzielles Event, das zwangsläufig darauf ausgerichtet ist, mindestens eine schwarze Zahl zu erzielen. Klar ich würde mir bei „Barockbällen“ den gleichen hohen Standard wünschen, den z.B. die Bälle im SCD haben – mit einem vorher veröffentlichten Tanzprogramm, mit Tänzern, die eine gute Technik haben und die Tänze beherrschen, mit einem gut durchstrukturierten Ablauf. Einen echten Barockball, wie er wirklich früher durchgeführt wurde, würde sicherlich heute allerdings eher kaum einer ertragen; genauso wenig, wie die hygienischen Umstände und den Gestank der damaligen Zeit – so sind wir heute auf derartige Surrogate angewiesen. Auch bei ein paar Kritikpunkten bleibt es natürlich ein tolles Event, das in seiner Kategorie sicherlich einen der ganz oberen Plätze einnimmt.




Tags: Reenactment | Ball | Barock | Playford | Tanz