Christian Griesbeck

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Start Blog Christian Workshop - Lorin - Contredanses für Louis XIV
Christian
Workshop - Lorin - Contredanses für Louis XIV
30.09.2011 10:00:00

Dies ist für mich bereits der zweite Kurs in Bad Rappenau zur Tanzpraxis des 17ten Jahrhunderts. In dem einmal jährlich von Nicoline Winkler veranstalteten Seminar geht es um die raren Fragmente, die uns vom Tanz dieser Zeit überliefert worden sind, bevor Feuillet 1700 mit seiner Choreographie einen echten Hit landete und für eine Fülle an überliefertem Material sorgte. Diesmal hat Nicoline den dänischen Musikwissenschaftler und Tanzforscher Jørgen Schou-Pedersen aus Kopenhagen eingeladen. Nachdem wir uns im letzten Jahr mit Faviers „Le Mariage de la Grosse Cathos“ (1688) beschäftigt haben, stehen in diesem Jahr vom 30.9. bis 3.10.2011 die beiden Lorin Manuskripte „Livre de contredance présenté au Roy“ (c. 1685) und „Livre de contredance du Roy“ (1688) auf dem Programm. Nachdem der englische Tanzmeister Isaac ein paar Jahre zuvor erstmals Country Dances am französischen Hof gezeigt hatte, war Lorin im Jahre 1685 nach England gereist und hat dort einige aktuelle Tänze gesammelt. André Lorin hat (wie auch Favier) ein eigenes Notationssystem für Tanz entwickelt und dies in einem günstigen Moment (anlässlich der plötzlichen Genesung des Königs) in die Waagschale um die Aufzeichnung von Tanz geworfen. Er nutzt dabei in seiner Notation die Kombination von Wortkürzeln für die Schrittsequenzen und einem graphischen Bodenplan für den Bewegungspfad im Raum. Wie die einzelnen verwendeten Schrittsequenzen (z. B. der Menuettschritt) dabei auszuführen sind, hat er uns leider nicht überliefert. Auch bei einigen anderen Elementen ist einiges Rätselraten angesagt. So ist Jørgens Interpretation der Tänze in manchen Punkten eine andere als die in dem 2008 veröffentlichten Buch „Dances for the Sun King“.

Der Kurs wird mit einer kurzen Ansprache des Oberbürgermeisters eröffnet. In der kleinen Kurstadt Bad Rappenau ist noch alles überschaubar, die Unterkunft in einer der vielen Ferienwohnungen ist sehr günstig und das lokale Wasserschloss, in dem der Kurs stattfindet, bietet ein nettes Ambiente. Der (allerdings moderne) Saal im Dachgeschoss verfügt über einen Parkettboden und ist für die 20 Teilnehmer gerade noch ausreichend, die größeren Personen müssen sich am Rand allerdings manchmal vor den Dachbalken in Acht nehmen. Es gibt nur ein kurzes Warm-up, das auch einige lustige Elemente wie „Waldtrolle“ oder „Marionetten“ enthält. Die jeweils für den nächsten Tanz benötigten Schrittsequenzen werden dann in einem Technikteil vorbereitet und später mit den Raumwegen verbunden. In den vier Tagen des Workshops lernen wir insgesamt acht der dreizehn Tänze aus Lorins „Livre de contredance“, darunter auch alle Tänze, die vermutlich seine eigenen Choreographien sind. Anders als die simplen Schritte, die heute oft bei Playfordtänzen verwendet werden, hat Lorin alle Tänze mit individuellem französischen Schrittmaterial versehen, das zum Teil recht anspruchsvoll ist. Das Highlight des Workshops war sicherlich sein „Contredance nouvelle figurée a huit pour Madame la Dauphine“. Zu unserer Überraschung ist das kein üblicher Gassentanz mit Progression, sondern ein Schautanz mit durchchoreographierten Anfangs- und Schlussreferenzen. Der eigentliche Tanz ist dabei ein Menuett für vier Paare in einer Squareaufstellung. Lorin hat diesen Tanz möglicherweise choreographiert um zu zeigen, dass sich seine Notation auch für Bühnentänze eignet. Da die überlieferten Tänze in Feuilletnotation fast ausschließlich Solotänze oder Tänze für ein Paar sind, ist das ein echtes Kleinod und eine Bereicherung für das Verständnis von Gruppentänzen der Zeit. Den Tanz „Les Cloches Ou Le Carillon“ tanzen wir in drei Variationen von Lorin, nach seinem ersten Buch (c. 1685), nach seinem zweiten Buch (1688) und in einer Variation im Stil von c. 1712-1721.  Jørgen hat sehr viel Material mitgebracht, das er verteilt; neben dem Faksimile des jeweiligen Tanzes gibt es ein Arrangement der Musik und zum Teil eine Transkription des Tanzes. Ergänzt wird alles durch eine Einführung in die Notation und den Ablauf vor und nach dem Tanz. Am Ende des Kurses erweist sich dann die Doppelprogression in „Irish Tege“ noch als sehr schwer, vielleicht nur weil schon Aufbruchstimmung herrscht und die Konzentration weg ist. Schade, dass es schon vorbei ist und wir nicht alle Tänze getanzt haben. Ich bin schon auf das Thema des nächsten Jahres gespannt.




Tags: Workshop | Tanz | Barock | Playford