Christian Griesbeck

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Christian
Gulp Splat Zong
14.03.2011 13:00:00

Meine erste Reaktion als ich den Umschlag öffnete war – verdammt, falsches Buch zugeschickt bekommen. Ein Buch über Videospiele statt über Tanz – denn ich bekomme ja viele Bücher aus eBay Auktionen zugeschickt, da passiert schon mal ein Fehler. Ich wollte das Buch schon weglegen und wunderte mich über die Internetbriefmarke. Sie zeigt einen Glatzkopf mit in den Himmel ausgebreiteten Armen. Plötzlich wurde mir aus dem Titelbild klar – aha ein Buch von Kemal. Ein Freund aus alten Tagen lässt mal wieder was von sich hören. Yoda Zhang und Kemal Ezcan stehen auf dem Cover. Aber dieses Autorenkollektiv ist eigentlich ein und die selbe Person, auch wenn sie durch Jahrzehnte gewandelt ist. Inzwischen hat er einen neuen Namen, eine Druckerei und macht ansonsten allerlei spaßige Dinge wie Musik, Retrogames und Events.

„Gulp Splat Zong – Videospiele und Computermusik“ so der Titel der Teilautobiographie, in meiner Ausgabe mit einer kleinen Widmung: „für Christian! Danke für die Geduld beim Beibringen der Zeichensatzdefinition! Gruß, Yoda“. Ja, ich erinnere mich noch genau, ich hatte Kemal, wie der damals noch hieß, nach einer guten Stunde Telefonat endlich überredet, mal in einem Spiel die Zeichen umzudefinieren. Es war wohl ein Pacman Clone und er verwendete zuvor „^V<>“ für die Spielfigur. Nach viel Überzeugungsarbeit und Anleitung kam dann von der anderen Seite „so einfach ist das also“. Eigentlich hätte ich auch vorbeikommen können, denn so weit wohnten wir nicht auseinander. Rückblickend, und nach lesen des Buchs – so oft hatten wir uns nicht getroffen. Ich war drei Jahre älter als Kemal, das macht in dem Alter schon viel aus. In meiner Programmiererclique mit El Ualid und Ralf war ich wiederum der jüngste. Ich kann mich auch nicht erinnern, ob Kemal so oft bei mir war, und ob es wirklich auch trockenes Brot zum Knabbern gab, und nicht nur Cola. Immerhin, bei ihm konnte man den Kühlschrank plündern und leckere Bofrost Sachen essen. In der Clique war ich der einzige, der seinen Computer von seinem eigenen Taschengeld kaufen musste. Und gegen den Willen meiner Schwester, die meinte, was ich mit dem teuren Ding will – aber es war ja schließlich mein mühsam erspartes Geld – so konnte glücklicherweise ich entscheiden.

Ja, Jugenderinnerungen – es scheint so, dass wenn Männer in ein gewisses Alter kommen, sie anfangen ihre Biographie zu schreiben (diese Webseite ist ja auch ein gewisser Beleg dafür). Aus dem Buch habe ich noch eine Menge über die damalige Zeit erfahren, die ich nicht wusste. So hatte ich nicht mitbekommen, dass Kemal für Atari Deutschland gearbeitet hatte oder dass er beim Computerclub in Köln interviewt worden ist. Und es gibt wiederum viel, an das ich mich erinnere, was in dem Buch nicht erwähnt ist – z.B. dass er das Jingle von der Sportschau auf dem Atari nachprogrammiert hatte. Es gab hin und wieder Überschneidungen auf unserem Weg, fast hätte ich für AXIS Komputerkunst in Hamburg ein (Musik-) Managerspiel geschrieben. Und war Kemal nicht auf dem Cover von „Hotel“ der andere Hotelpage? Aber dann gingen unserer Wege weit auseinander, Kemal blieb beim 8-Bit Atari, ich stieg von dem Geld von Ravensburger auf den ST um.

Das Buch ist in drei große Kapitel geteilt. Das erste Kapitel „Gulp“ behandelt seine erste Computerspielzeit bis zum ersten veröffentlichten Spiel – das legendäre „Gulp“. Der frühe Erstkontakt zu Computerspielen, als ihn sein Vater mit 8 Jahren am Frankfurter Flughafen in Spielhallen parkte, führt zu allerlei seltsamen Episoden. Auch seine Atari VCS Zeit flimmert vor unseren Augen ab. Sogar mein damaliges Lieblingsspielhallenspiel „Asteroids“ taucht auf, „Fetz den Frosch“ nannten wir das spielen – frei nach den „Frogs“ aus der deutschen TV-Serie „Raumpatrouille Orion“. Als wir dann „Asteroids“ als Modul für El Ualids Atari 400 hatten, gab es endlose Gefechte zu viert (ohne Kemal allerdings). Ein weiteres Lieblingsspiel „Star Raiders“ für den Atari taucht allerdings nicht auf. Diesen Atari bekam Kemal dann (nach viel Psychoterror) von seiner Mutter geschenkt – damit begann seine Programmierer Karriere. Diese fand einen ersten Höhepunkt, als eins seiner vielen Spiele, die er fast im Tagesrhythmus produzierte, in einer Computerzeitschrift zum Eintippen veröffentlicht wurde.

Der zweite Teil „Splat“ behandelt dann seine Computermusik und Eintippspielezeit. Auch hier gibt es wieder allerlei seltsame Episoden. Auf einer Messe wurde Atari auf den kleinen Jungen, der da Computermusik machte aufmerksam, selbst im legendären WDR-Computerclub wird er dazu von Wolfgang Back interviewt. Für die Reste der deutschen Softwareabteilung von Atari, die sich zu AXIS Komputerkunst formierten, arbeitete er dann weiter an der Musikprogrammierung. Er entwickelte für die auch zusammen mit Axel Weber, einem Schulfreund von mir, ein Graphikadventure – „Zielpunkt Null Grad Nord“. Diese Zeit endete mit seinem letzten veröffentlichten Eintippspiel in einer Computerzeitschrift, „Splat“.

Und der dritte Teil „Zong“ behandelt die Zeit, als er die Atari 8-Bit Szene mit KE-Soft weiter am Leben gehalten hat. Von der Zeit habe ich dann eigentlich nicht mehr viel mitbekommen. Ich war zu sehr mit der Programmierung für den Atari ST (Calamus), meinem Abitur und dem Studium beschäftigt. Er produzierte in der Zeit eine eigene Atari Zeitschrift „Zong“, baute seinen eigenen Softwarevertrieb auf „KE-Soft“ und verkaufte einen Teil der Reste vom 8-Bit Bereich von Atari Deutschland.

Was mir in dem Buch eindeutig fehlt, sind die Bilder – aber dafür gibt es ja die Webseite: www.gulpsplatzong.de auf der dann sehr viele Bilder, Spiele, Videos, Musik usw. zu finden sind. Eine allgemeine Videospielgeschichte findet sich hier allerdings nicht, eher viele persönliche Anekdoten. Für jemanden der ihn kannte ein unterhaltsames Buch, das einen in die Zeit zurückversetzt.




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