Christian Griesbeck

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Christian
Ein Schwanensee in Neu-Isenburg
11.12.2012 19:00:00

Winterzeit – Ballettzeit, das meinen offensichtlich die vielen Balletttruppen, die in dieser Jahreszeit mit einer Handvoll von Ballettgassenhauern durchs Land tingeln und die Plakatwände zieren. Gut, es ist noch nicht mal eine Handvoll von Stücken, eigentlich sind es immer nur die beiden Tschaikowsky Ballette „Schwanensee“ und „Nussknacker“ die garantiert die Hallen füllen. Bei „Romeo und Julia“ oder „Dornröschen“ wird es schon schwierig und das Dutzend anderer absoluter Ballettklassiker, die wir haben, wird von den Tourneetruppen schon vorsichtshalber gar nicht angefasst. Beide Stücke sind selbstverständlich schön – keine Frage, und als „Einstiegsdroge“ sehr geeignet, um kleine Mädchen mit dem Ballettvirus zu infizieren, es wäre aber natürlich auch toll, mal die ganzen anderen Klassiker live sehen zu können. Also heute ein Schwanensee in Neu-Isenburg – fast wäre es ein Schwanensee in Höchst geworden, denn für dort hatten wir einen „zwei für eins“ Gutschein, aber der Termin war schon verplant. In der Jahrhunderthalle Höchst wäre es das „Russische Staatsballett“ gewesen, hier in der Hugenottenhalle Neu-Isenburg ist es das „Russische Klassische Staatsballett“ und die Karten sind deutlich günstiger. Mit dem Russischen Staat haben beide Truppen aber wohl nichts zu tun, genau so wenig wie das Bolschoi Staatsballett Belarus (ganz groß Bolschoi ganz klein Belarus – ebenfalls mit Schwanensee auf Tour) mit dem Bolschoi Ballett Moskau. Was bekommt man hier nun für den deutlich günstigeren Preis geboten? Keine Frage, gut tanzen können sie alle, und die Ballettschulen produzieren eine ausreichende Menge von hervorragendem Nachwuchs, um neben den Traumtheatern auch noch all die Tourneetruppen zu füllen. Angenehm ist, dass die Hugenottenhalle kleiner ist als die Jahrhunderthalle, und nachdem wir auf eine erhöhte Reihe umgezogen sind, haben wir auch einen tollen Blick auf die etwas kleinere Bühne. Aber es gibt auch deutliche Abstriche, die Musik kommt hier vom Band – das zudem nicht mehr auf der Höhe der Zeit klingt. Die Kostüme sind einfacher, das sieht sehr danach aus wie das, was die einschlägigen Ausstatter in ihren Katalogen haben. Tanzen kann die Truppe, keine Frage, aber was ich immer wieder vermisse, ist die Synchronität als Gruppe, das korrekte Timing und die Gleichförmigkeit der Winkel. Die Pas de deux wirken für mich etwas unmotiviert, warum Odette ein gefühltes Dutzend Mal in die Luft gehoben wird und dabei die Beine spreizt oder an anderer Stelle immer wieder Siegfried das Bein vor die Nase streckt, erschließt sich mir nicht. Effekte? – einmal etwas Rotlicht für Rotbart, immerhin wird bei jedem Bild das Prospekt gewechselt. Etwas mehr als nur einen Vorhang zum Schluss hat die Truppe aber in jedem Fall verdient. Woran liegt es? Ist es ein Publikum, das sonst auch am Beginn des Nachspanns aus dem Kino rennt? Oder ist es das flaue Gefühl, das der Name hinterlässt? Sehr sympathisch finde ich dass, laut Programmheft, Kinderworkshops angeboten werden, die einen Einblick in die Theaterwirklichkeit geben. Sehr ärgerlich finde ich, dass das Publikum es nicht lassen kann, mit seinen Handys Bilder und Filme während der Aufführung zu machen.



Tags: Tanz | Zuschauer | Ballett

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Christian
Symposium „Mannheim - Musik - Tanz“
30.11.2012 13:15:00

Unter dem Titel „Mannheim – Musik – Tanz“ findet vom 30.11. bis 1.12.2012, anlässlich des 250jährigen Jubiläums der Gründung der Académie de Danse, an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim ein zweitägiges Symposium statt. Den Auftakt des Symposiums bildet ein kleiner Beitrag der Akademie des Tanzes: „Vier Jahreszeiten“ mit einer Choreographie von Selatin Kara auf die Musik von Antonio Vivaldi. Die Studierenden der Akademie tanzen mit der Abfolge „Frühling“ – als große Gruppenchoreographie, „Sommer“ – in kleiner Besetzung, „Herbst“ – als Solotanz und „Winter“ - nochmals in der Gruppe. Nach diesem ersten Tanzteil eröffnet Herr Meister, der Präsident der Hochschule, das Symposium. Gleich zu Beginn gibt es leider eine kleine Enttäuschung – der Eröffnungsvortrag von Frau Busch-Salmen „unzählige Tänzer und Sänger... – Tanz und Ball am Mannheimer Hof“, muss wegen Erkrankung ausfallen und das Programm etwas umgestellt werden. Schade, der Vortrag hätte mich und einige anwesende Freunde und Bekannte, die aus der historischen Tanzpraxis kommen, natürlich besonders interessiert. So ist es an Herrn Betzwieser, den Reigen der Vorträge zu eröffnen. Unter dem Titel „Tänzer in Partituren – Anmerkungen zur Mannheimer Ballettkomposition“ untersucht er das Verhältnis von musikalischer Form und Tanzkonzeption in den Werken von Komponisten der Mannheimer Schule. Mannheim kann sich durchaus an der Ballettavantgarde der damaligen Zeit (Stuttgart und Wien) messen lassen. Auf ihn folgt Frau Walsdorf mit ihrem vorgezogenen Vortrag „Tanz im Mannheimer Jesuitentheater (1735-1773). Eine Spurensuche“. Spuren zu finden ist nicht mehr ganz einfach, weil ein großer Teil der Unterlagen dazu einem Brand zum Opfer gefallen ist, dennoch lassen sich einige Hinweise dafür finden, dass im Mannheimer Jesuitentheater getanzt wurde. Die Aufführungen wurden von den Schülern der Jesuitenschule bestritten und verlangten den Zuschauern sicher einiges an Sitzfleisch ab, die Szenarien stammen von den Jesuiten und sind für unsere heutigen Ohren zum Teil etwas abstrus. Nach der ersten kleinen Kaffeepause begrüßt uns auch Frau Keil, die Leiterin der Akademie des Tanzes. Weiter geht es mit dem Vortrag „Ballett in Schwetzingen. Glucks Cythère assiégée und Laucherys choreographische Anmerkungen“ von Frau Leopold. Dazu ist ein gedrucktes Szenario mit handschriftlichen Anmerkungen erhalten; da darin auch Notizen zum Ablauf hinter der Bühne notiert sind, kann es sich tatsächlich um Laucherys eigenes Exemplar handeln. Auch mit der Frage, wer die angegebenen Aufführenden waren und in welchem Verhältnis sie zu Lauchery standen, befasst sich der Tagungsbeitrag. Als letzter Vortrag des ersten Tages beschäftigt sich Herr Malkiewicz mit „Étienne Lauchery. Choreographische Beschreibungen aus dem Berliner Manuskript“. Das Berliner Manuskript ist eines der wenigen erhaltenen choreographischen Skizzenbücher aus dem frühen 19ten Jahrhundert, und ein Teil der Choreographien kann den Laucherys zugeordnet werden. Dabei zieht er eine Reihe von weiteren Quellen, wie Noten oder Theaterzettel, aus der Zeit heran und es interessant zu sehen, wie sich langsam ein Bild ergibt. Nach einer längeren Pause gibt es am Abend eine weitere Ballettaufführung der Studierenden der Akademie des Tanzes. Mit Ausschnitten aus dem Ballett „Coppélia“, drei Eigenchoreographien der Studierenden: „Runway“, „Steps between Steps“ und „Part Q“, dem Stück „Burn it Blue“, einer sehr verwickelten „Polka“, und der Flamencochoreographie „Contrapunto“ demonstriert die Akademie ihre Leistungsfähigkeit.

Der zweite Tag beginnt quasi mit einem „Mannheimer Heimspiel“, Herr Schipperges referiert in einem lockeren Vortrag (genau das Richtige für den frühen Morgen) über „Mozart – Menuett – Mannheim“ – er begibt sich auf fröhliche Spurensuche anhand der Frage: „Welche seiner Menuette Mozart denn wohl bei seinen Aufenthalten in Mannheim geschrieben hat?“ Weiter geht es mit Herrn Rothkamm und seinem Vortrag: „Originäre Ballettmusik im langen 19. Jahrhundert in Mannheim am Beispiel von Josef Bayers Puppenfee“. Die „Puppenfee“ erfreute sich trotz (oder vielleicht gerade wegen) ihrer eher dünnen Handlung und nicht sehr einfallsreichen Musik nicht nur in Wien, sondern auch in Mannheim des 19ten Jahrhunderts großer Beliebtheit, dafür findet er mehrere gute Gründe. Den Sprung ins frühe 20ste Jahrhundert nimmt das Symposion schließlich mit Frau Schulze und ihrem Vortrag „‚Morgen trocken, bei wechselnder Bewölkung’. Isadora Duncan, Mannheim und ‚Der Tanz der Zukunft’“. Das Wetter spielte beim dem für diese Zeit (1907) recht exotischen Open-Air Auftritt „Ein attisches Fest“ von Isadora Duncan in Mannheim natürlich eine gewisse Rolle und hatte doch noch ein Einsehen – der Auftritt wurde ein Erfolg und kurzfristig wiederholt. Im Anschluss spricht Frau Homering über „Mary Wigman in Mannheim“. Von einer Mannheimer Theaterproduktion mit zwei Orffstücken („Catulli Carmina“ und „Carmina Burana“) ist ein choreographisches Skizzenbuch Wigmans erhalten, das neben vielen Fotos Basis für eine Teilrekonstruktion in den Reiss-Engelhorn Museen Mannheim bildet. In der Zeit (1955) hatte Mary Wigman ihre tänzerischen Höhepunkte schon hinter sich gelassen und arbeite sich als Choreographin an den Mannheimer Balletttänzern ab, die für ihre moderne Art des Tanzes ungeeignet schienen. Die Nachmittagsrunde leitet Herr Arndt mit dem Vortrag „Zwischen Revuefilm und Jazz-Ballett: Caterina Valente und Wolfgang Lauth“ ein. Wolfgang Lauth machte Musik für populäre Filme, aber auch für die beliebten Jazz-Ballett-Abende am Mannheimer Theater. Im Vortrag von Frau Krause „Sich tanzend Erfahrungsräume öffnen. Überlegungen zum Potential von Tanz für musikbezogene Bildung in Schule und Hochschule“ geht es um die Möglichkeiten der Integration von Tanz im Musikunterricht. Den Abschluss des Symposions bildet eine Podiumsdiskussion „Von Lisa Kretschmar bis Birgit Keil - (fast) ein halbes Jahrhundert Musik, Tanz und Tanzpädagogik an der Akademie des Tanzes“. Interessant sind die sich im Gespräch ergebenen Informationen zum Wiederaufbau und zur Umgestaltung der Tanzabteilung der Hochschule. Schön wäre es natürlich gewesen, noch etwas über die frühe Geschichte der „Académie de Danse“ zu erfahren, die als eine der ersten in Europa gegründet wurde. Auch eine noch direktere Verbindung zwischen der Musikwissenschaft und der Tanzpraxis wäre natürlich für mich als Praktiker toll gewesen. Tanzgeschichte als lebendige Bewegung hat natürlich noch einmal eine andere Qualität, aber es war ja in erster Linie eine Veranstaltung der Musikwissenschaft und Musikpädagogik.



Tags: Symposion | Tanz

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Christian
Barocktanzworkshop – Dances for the Fairies, Tänze aus Purcells Fairy Queen
24.11.2012 10:00:00

Wie in den letzten Jahren bin ich wieder in Dortmund zum „Weihnachtsmarktworkshop“ mit Philippa Waite – diesmal stehen „Dances for the Fairies“ auf dem Programm. Die Dortmunder Gruppe „La Riverenza“ plant für nächstes Jahr, zusammen mit einem Orchester, eine Aufführung und die Tänze wollen bis dahin gelernt sein. Schade ist natürlich, dass sich nicht alle aus der Gruppe schon jetzt für diesen Workshop angemeldet haben, das wäre die ideale Gelegenheit gewesen, die Tänze bereits einmal zu lernen und zu üben. Für die Theatertänze aus Purcells „Fairy Queen“ sind, wie für die allermeisten Bühnenwerke der Zeit, leider keine Originalchoreographien erhalten. Purcell Musik war damals natürlich sehr beliebt, so dass in alten Countrydancebüchern mittlerweile rund 30 seiner Stücke identifiziert sind, die Zeitgenossen für Gesellschaftstänze verwendet haben. Aber in diesem Workshop geht es um eine Bühnenaufführung – Philippa hat vor einigen Jahren für die „Fairy Queen“ neue Theatertänze im Stil der Zeit choreographiert, die sie nun in Dortmund nach und nach einstudiert. Einen dieser Tänze hatten wir schon im letzten Jahr gelernt, nun stehen drei weitere auf dem Programm. Der erste, den wir am intensivsten inklusive der passenden Armbewegungen lernen, ist „If love’s a Sweet Passion“ – er wird dann wohl bei der Aufführung von den eher etwas Fortgeschritteneren getanzt werden. Ein lustiger Tanz ist dann der „Monkey’s Dance“ – ein Charakterpaartanz mit grotesken Schritten und falschen Fußpositionen. Der dritte im Bunde ist „Dance for the Green Men“ der eigentlich für vier Paare choreographiert ist. Wie immer geht das Wochenende viel zu schnell vorbei, am schönsten war wieder mal intensiv an der barocken Armtechnik zu arbeiten.



Tags: Tanz | Workshop | Barock

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Christian
Ball Royal zum 350. Geburtstag des Grafen Wackerbarth im Gohliser Schlösschen
17.11.2012 15:00:00

Eigentlich sollte der Ball zum 350. Geburtstag des Grafen Wackerbarth wie die Winterbälle in den letzten Jahren im Dezember in Zabeltitz stattfinden. Nun meint scheinbar die lokale Politik, Hand in Hand mit „Beratern“, aus dem Zabeltitzer Palais eine „Premium Location“ machen zu können und hat, so weit ich das verstehe, als ersten Schritt schon mal die Mietpreise drastisch erhöht. Die Konsequenz ist natürlich, dass die gewachsenen kleinen Events passen müssen, aber auch die gewünschte „Premium Kundschaft“ bleibt aus – dafür ist der Ort nicht attraktiv genug. Als Resultat werden nicht nur Existenzen in der lokalen Wirtschaft (insbesondere Hotels und Gaststätten) vernichtet, sondern auch notwendige Einnahmen, die zum Erhalt beitragen können, verschwinden ebenso wie auch Gewerbesteuereinkünfte der Stadt. Etwas mehr Augenmaß was möglich ist und was nicht täte manchmal den Gemeinden gut. Das Schöne an Zabeltitz war, dass alle direkt nebenan im Hotel untergebracht waren, so dass man sich schon beim Frühstück kennenlernen konnte, und auch die Atmosphäre mit dem Kerzenlicht in dem sonst leider kahlen und modernen Palais hatte uns gefallen.

Aber nun zum Ball in Leipzig im Gohliser Schlösschen, das Uwe Müller aka Graf Wackerbarth als neuen Veranstaltungsort gefunden hat. Es hat natürlich viel viel schönere Räumlichkeiten – es ist dort ähnlich wie in Engers, mit Gemälden, bemalten Decken und Wänden. Dafür ist überall nur elektrisches Licht erlaubt, und man muss natürlich auf die Museumsgegenstände achtgeben. Wie im letzten Jahr ist Ilka Trotte die Tanzmeisterin, und es gibt bereits am Vorabend einen kleinen Tanzkurs, diesmal in einer lokalen Ballettschule, weil das Schloss dafür noch nicht zur Verfügung steht. Auf dem Programm stehen überwiegend einfache Playford-Klassiker wie Indian Queen (1701) und Gathering Peascods (1651), der von den Figuren vermutlich anspruchsvollste Tanz des Abends ist dabei Hunsdon House (1665). Am Samstagmorgen werden die Tänze noch einmal wiederholt, wobei es sich als hilfreich erweist, dass ich eine kleine Musiksammlung auf dem Handy habe – denn das dient bis zum Eintreffen der Musikanlage als Ersatztonquelle – leise, aber immerhin Musik. In der Umziehpause üben wir dann zu zweit noch kurz unseren als Gastgeschenk mitgebrachten Barocktanz – er ist nicht in Vergessenheit geraten. Nach einem kleinen Imbiss und einem Spaziergang ist dann bereits Umziehen angesagt – Carola hat sich für ihr neues Jäckchenkostüm entschieden, das etwas mehr „Bahnreisegeeignet“ ist.

Um 15 Uhr beginnt dann der Empfang, die Gäste werden von Zeremonienmeister Baron von Löwenthal peu à peu dem Grafen Wackerbarth und seiner Begleiterin vorgestellt. Bei der Gelegenheit werden gerne auch wertvolle Gastgeschenke überreicht, wie eine Ananas, die beim Grafen große Verwunderung ob der Gartenbaukünste auslöst. Im Anschluss geht es zur Kaffeetafel, hier werden die Gäste ihrem Rang nach vom Zeremonienmeister aufgerufen und an der langen Tafel platziert. Nach dem Aufheben der Kaffeetafel gibt es ein Konzert. Zu Gast ist Stefano Guardiano mit seinem Programm „La voce Celeste – eine himmlische Stimme“ und fasziniert alle Anwesenden – davon möchte man gerne noch mehr hören. Der nächste Programmpunkt ist bereits das 3-Gänge-Menü, wir nehmen wieder, wie vom Zeremonienmeister angewiesen, unsere Plätze an der Tafel ein. Zunächst gibt es eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses, danach eine Suppenkomposition, das Hauptgericht ist ein Braten, der förmlich auf der Zunge zergeht und zum Schluss werden verschiedene Mousse au Chocolat gereicht. Vor dem Ball gibt es dann noch ein kleines Geburtstagsfeuerwerk und die Schokoladentafel wird eröffnet – diesmal mit Rücksicht auf die Räumlichkeiten ohne Wunderkerzen. Auf dem Ball tanzen wir dann die Tänze, die zuvor geübt wurden, allerdings sind viele Leute dabei, die den Tanzkurs versäumt haben, so dass alle Tänze noch einmal erklärt werden müssen, bevor wir sie durchtanzen. In der ersten Pause zeigen wir dann unsere mitgebrachte „Bourée d’Achille“. Bis dann um Mitternacht der Ball endet, tanzen wir jeden Tanz mindestens zwei Mal. Schade nur, dass man sich bei Barock-/Rokokobällen oft auf gelaufene Playfordtänze beschränkt und der Tanz dadurch jegliche Spritzigkeit und Brillanz verliert. Leider sind die meisten Reenactors nicht in der Barocktanztechnik geschult, und die meisten Barocktänzer besuchen keine Reenactmentveranstaltungen – so bleibt der Tanz auf diesen Bällen nur ein Schatten seiner selbst.



Tags: Barock | Ball | Tanz | Playford

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Christian
Workshop - Plaisirs innocents - Contredanses parisiennes unter der Régence (1715-1723)
01.11.2012 10:00:00

Das ist für mich jetzt bereits der dritte Barocktanzkurs in Bad Rappenau – der diesmal aber leider nur drei Tage kurz ist. Unter dem Thema „Plaisirs innocents - Contredanses parisiennes unter der Régence (1715-1723)“ lernen wir 12 der mehr als 40 Tänze aus den beiden kürzlich wieder in die Tanzwelt gekommen Durlacher Manuskripten. Drei der Tänze hatte Nicoline Winkler ja bereits auf dem Rothenfelser Tanzsymposion vorgestellt, vielleicht waren diese zu einfach und zeigten nicht die volle Pracht der anderen Tänze, um für den jetzigen Workshop mehr Teilnehmer anzuziehen, aber dort hatte sie ja auch nur 90 Minuten Zeit. So sind wir fünf Damen und fünf Herren plus Nicoline – zumindest eine Person mehr wäre natürlich toll gewesen, denn die meisten Tänze im Manuskript sind für zwei Paare. Bei genauerem Blick ist die Chorégraphie Durlach MS 209/210 eine echte Schatzkiste. Anders als bei den meisten in Feuillets Raumwegnotation veröffentlichten Kontratänzen (z.B. in dem „Recueil de Contredances“ von Feuillet, 1706 oder dem „Recueil de nouvelles contredances“ von Dezais, 1712) gibt es hier jeweils einiges an in normaler Feuillet Notation hinzugefügter Verzierung, was die Tänze viel spritziger macht. Meist sind das zwar nur „des Balancer“ oder „un pas de Rigaudon“, die der Schrittkatalog am Anfang von MS 209 aufführt, aber es finden sich auch in den Tänzen einige spezifische Schritte, und das Manuskript verwendet ein Symbolkatalog für Figuren wie „le Moulinet“ oder „le Ronde“ die bei Feuillet noch als Bodenwege notiert werden. Außerdem ist oft Text mit Anweisungen hinzugefügt, der die Wiederholungsstrukturen beschreibt oder explizit sagt, dass Seitwärtsbewegungen mit „Chasez“ auszuführen sind. Rund dreiviertel der Tänze sind in Cotillonaufstellung für zwei Paare oder manchmal vier Paare, der Rest ist in Longwayaufstellung (oft für eine feste Zahl von Paaren), zusätzlich findet sich eine Branlesuite mit vier Tänzen. Was leider auch in diesem Manuskript fehlt, ist die Angabe ob für die nicht geraden Wege pas de bourrée oder die laut Feuillet häufigeren demi contretemps zu verwenden sind, allerdings finden sich interessanterweise Stellen mit geraden Wegen, wo explizit pas de bourrée oder zwei demi contretemps notiert sind (die dann statt dem Gavotteschritt auszuführen sind).

Der Schwierigkeitsgrad der Tänze an diesen drei Tagen ist unterschiedlich. Die beiden einfachen echten Longways mit Progression „for as many as will“ in der Art wie man sie auch bei Feuillet finden könnte, sind „Le Moulin de Javel“ (mit zwei tanzenden Paaren) und „La Friande“ (mit drei tanzenden Paaren). „La Faridondene“ ist ein schöner Dreipaartanz in Longwayaufstellung bei dem das erste Paar zunächst mit allen drei Paaren einen A-Teil tanzt und dann, nach einer ersten Progression, einen B-Teil aus Platz zwei nur mit dem dritten Paar tanzt, um nach einer weiteren Progression auf Platz drei zu landen. „Le Cordon Bleu“ ist ein einfacher Tanz in Longwayaufstellung, aber ohne Progression, der schon den für Cotillons typischen Strophen-Refrain-Wechsel hat, wobei die erste Strophe noch wie im Englischen Tanz ein „advance and retire“ ist. Einfachere Cotillons in Carreaufstellung mit mehr oder weniger typischem Ablauf sind „le Corrillon dauteüil“, „La Tetar“, „La Bohaimiene“ und „Le Nouveau Pistolet“ (die beiden letzteren haben wir bereits in Rothenfels getanzt). Der Tanz „les quatres faces ou la Danse d’hier“ mischt eine Strophe im Menuettschritt mit einem Refrain im Gavotteschritt (ihn haben wir ebenfalls in Rothenfels getanzt). Nicht alle Tänze in Carreaufstellung in der Durlacher Handschrift haben den üblichen Cotillonaufbau mit dem festgefügten Strophe-Refrain-Wechsel. So folgt z.B. „La Blonde, La Brune“ einer ABA-Form (Blonde, Brune, Blonde). „La Brillante“ folgt keiner Wiederholungsstruktur, das hübsche Feuerwerk ist so schon nach 75 Sekunden vorbei. Ebenfalls sehr schön ist „Le Poivre“, einer der beiden Tänze für vier Paare im Square-Set aus der Sammlung, wobei die Damen jeweils zuerst den Beginn des Refrains und das erste Auftauchen der jeweiligen Strophen-Figur tanzen dürfen. Ein kleiner Teil der Tänze ist sogar vollständig in Tanzschrift durchnotiert – auch hier sind noch Schätze zu heben, denn ausnotierte Tänze zu viert in Feuillet Notation sind selten und sie geben uns einen wichtigen Einblick in das Schrittmaterial. Einen davon, „La Bergere“ tanzen wir im Anschluss an den Workshop noch kurz zu dritt an. Den Abschluss bildet diesmal das fast schon traditionelle Zwiebelkuchenessen. Fazit des leider wieder viel zu schnell vergangenen Workshops: viele schöne neue Tänze, eine echte Bereicherung für die Barocktanzszene und noch vieles, was es in den Manuskripten zu entdecken gilt.



Tags: Workshop | Tanz | Barock | Playford

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Christian
FSCDC Highland Nachmittag 2012
13.10.2012 14:00:00

Der alljährliche Highland Nachmittagsworkshop des Frankfurt Scottish Country Dance Club ist mittlerweile schon eine feste Tradition, wobei es meist nicht um reinen Highland Tanz geht, sondern Elemente von ihm in Country Dance. Diesmal findet er im „Skydeck“ des Hauses der Jugend statt, von dem aus man in den Pausen einen weiten Ausblick auf Frankfurt genießen kann. Die Frankfurter Gruppe macht sich diesmal rar, dafür sind zwei Heidelbergerinnen mit dabei. Die Besetzung passt aber perfekt für den ersten Tanz: „The Speyside Reel“, der für zwei Herren und vier Damen choreographiert ist und den Hauptteil des Nachmittags einnimmt. Ich verstehe zwar immer passend zum Raum „Space-Side“, aber damit hat er wohl nichts zu tun. Er ist ein Medley mit der üblichen Strathspey-Reel-Mischung, wobei Highland Setting Steps verwendet werden und die eher seltenen Tulloch Swings. Nach einer ausgedehnten Pause bei Kaffee und Kuchen geht es weiter mit dem Reel-Teil des Tanzes. In den letzen 45 Minuten lernen wir noch einen kleinen aber feinen Paartanz, der ursprünglich als Auftrittstanz für Drei bei einer Hochzeit gedacht war, von denen aber einer ausfiel – so tanzten damals „Two for Three“. Ein Bericht zum Nachmittag findet sich auch im Eventlogbuch des FSCDC.



Tags: Tanz | Workshop | SCD

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Christian
Auftritt beim Jugendkonzert „Tanz durch die Jahrhunderte“ in Darmstadt
01.09.2012 16:00:00

Die Akademie für Tonkunst Darmstadt und der Historische Tanzkreis Bensheim haben ja in der Vergangenheit zusammen schon ein paar Veranstaltungen bestritten, nun steht, wie vor zwei Jahren beim Jubiläumsauftritt des HTK Bensheim, ein „Tanz durch die Jahrhunderte“ auf dem Programm. Eigentlich handelt es sich um ein Jugendkonzert am Nachmittag, doch das Publikum ist altersmäßig stark durchmischt, mit einer Tendenz zu „Jung ist, wer sich jung fühlt“ – aber das Thema zieht halt auch nicht die Massen an Jugendlichen an. Das Publikum bekommt jedenfalls viel geboten: im ersten Teil spielt „Larus Ridibundus“ – die Musikgruppe des HTK Bensheim und im zweiten Teil spielt das „Salonorchester“ der Akademie. Das Tanzen mit Livemusik ist ja immer eine besondere Sache, die viel zu selten stattfindet. Zunächst stehen zwei Tänze aus der Höfischen Renaissance auf dem Programm, dann ist die Kindergruppe mit drei Bauern- und Volkstänzen dran. Bei der traditionellen Musik geht das Publikum natürlich voll mit – die Kindergruppe ist schon süß und hat sichtlich viel Freude. Nach einem letzten Instrumentalstück von „Larus Ridibundus“ und einer kleinen Umbaupause sind wir dran. Wir dürfen die Barockzeit mit einem kleinen Solopaartanz „La Bourée d’Achille“ repräsentieren. Der Leiter des Salonorchesters hat dafür extra die passenden Noten aufgetrieben und mit einem kleinen Orchester klingt das natürlich besonders gut. Es ist der erste Barocktanz, den Carola und ich selbst rekonstruiert und eingeübt haben und nun mit Armen versehen öffentlich aufführen – eine Premiere also. Und noch eine Premiere ist Carolas neues Jäckchenkostüm, das sie fast alleine genäht hat und heute zum ersten mal tragen darf. Aber schon geht es weiter mit der Zeit des Biedermeier, mit sechs Tänze der Hauptteil des Nachmittags. Ein Teil der Tänzerinnen hat bereits am Anfang bei der Renaissance mitgewirkt und sich zwischendurch in aller Eile für Biedermeier umgekleidet. Der letzte Tanz des kurzweiligen Nachmittags ist auch eine Premiere, ihn hat die Tanzleiterin des HTK Bensheim zur Musik „An der schönen blauen Donau“ noch am Donnerstag choreographiert und mit der Gruppe einstudiert.



Tags: Auftritt | Renaissance | Barock | Biedermeier

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Christian
Ausstellung – Fashioning Fashion
22.07.2012 15:45:00

Die Ausstellung „Fashioning Fashion – Europäische Moden 1700 – 1915“ des Los Angeles County Museum of Art ist für drei Monate vom 27.4.-29.7.2012 zu Gast im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Das können wir uns eigentlich nicht entgehen lassen, gut dass wir in dem kurzen Zeitraum der Gastausstellung in Berlin sind und genug Luft bei unseren Fahrtzeiten eingeplant haben, ansonsten wäre die Ausstellung eine Extrareise wert gewesen. Es gibt ein englischsprachiges Begleitbuch zur ursprünglichen LACMA Ausstellung vor ein paar Jahren, dieses ist nun in deutscher Übersetzung verfügbar – aber leider schon vergriffen als wir nun, kurz bevor die Ausstellung wieder abreist, in Berlin sind. Das Ganze gliedert sich in vier Themenbereichte „Mode“, „Textur“, „Form“ und „Dekoration“ aber wir wollen uns eigentlich nur die vielen tollen Stücke ganz von nahem anschauen – und hier kommt man wirklich ganz nah an die Stücke – bei den meisten Stücken wurde sogar darauf verzichtet, sie hinter Glas zu packen. Einen recht unfangreichen gedruckten Führer gibt es in Deutsch und Englisch kostenlos, der Audioguide kostet hier mal etwas und wir verzichten auf ihn – viel neues wird er uns nicht erzählen können. Der Bereich „Mode“ stellt einzelne Kostüme in eine Zeitleiste und verdeutlicht so den Formenwandel. Um die Silhouette möglichst deutlich hervortreten zu lassen, wurden dazu bei den Damenkostümen vornehmlich Kleidungsstücke in Weiß gewählt – hier sieht man schön, wie durch die zwei Jahrhunderte der Ausstellung der Damenkörper unterschiedlich akzentuiert wurde. Bei den Herren konnte man kein Weiß nehmen – die Farbe ist für Herren eher untypisch, aber auch hier zeigt sich eine klare Entwicklung durch die zwei Jahrhunderte – Herrenmode wird immer langweiliger und schlichter – hin zur grauen Maus. Die meisten Stücke sind natürlich Originale; nur weniges wurde mit Reproduktionen ergänzt, um die Figurinen möglichst komplett anziehen zu können – leider sieht man unter den Damenkleidern die verwendeten Originalschuhe meist nicht. Im zweiten Bereich „Textur“ wird der Fokus auf die verwendeten Stoffe und Muster gerichtet. Er zeigt vielleicht am deutlichsten das Hauptproblem beim Anfertigen von bezahlbaren Reproduktionen historischer Kostüme für das Reenactment – woher all die fantastischen Stoffe nehmen, die dafür notwendig sind? Der dritte Teil „Form“ beschäftigt sich mit dem schichtenweisen Aufbau, insbesondere der Damenkleidung, und wie jeweils die gewünschte Form erreicht wurde. Hier kann man quasi einen Blick unter die Kleidung werfen – fast alles ist vorhanden – vom Hemd über die Schnürbrust oder dem Korsett bis zu den verschiedenen Reifrocktypen, Krinolinen und Turnüren, dann auch die Hilfsmittel aus dem 19ten Jahrhundert wie Ärmelpolster und Büstenverbesserer. Auch Oberkleidung findet sich hier in einem breiten Spektrum von Schuhen bis zur Kopfbedeckung. Dabei ist die Funktion auch ein Thema, sei es das schon etwas praktischere Tenniskleid oder die eher unpraktischen superlangen Fetischstiefel. Bei den Herren wird die Form meist durch den Schnitt erreicht und ist insofern weniger spannend, dennoch findet sich hier auch einiges an Männerkleidung und Formgebern für Herren, wie einer Weste mit variabler Brustpolsterung oder einen Taillengürtel für Männer vom Ende des 19ten Jahrhunderts. Im letzten Teil „Dekoration“ stehen die aufwendigen Verzierungen und Verzierungstechniken im Mittelpunkt. Zwar sind hier viele der wertvollen Stücke hinter Glas, aber man kann nah ran gehen und sich die Techniken ganz genau betrachten. Bei den Herren reduzierten sich die Verzierungen ja im Laufe der Zeit, die Weste war hier lange das letzte Refugium von Stickereien, aber auch Hausmützen und Hausschuhe sind ausgestellt. Hier findet sich auch aufwendig verziert Kinderkleidung aus dem 19ten Jahrhundert. Die Ausschmückung der Frauenkleidung blieb durch die beiden ausgestellten Jahrhunderte ungebrochen. Dabei gibt es fast nichts, was unverziert bleiben muss, und ein breites Spektrum an verschiedenen Verzierungstechniken und verschiedenen Objekten ist zu sehen. Etwas hat uns besonders interessiert – wie sind Fly-Fringe gemacht worden – und gibt es dafür einen deutschen Namen? Und ja, hier konnten wir uns die ‚Fliegenbänder’ tatsächlich ganz genau anschauen, so dass die Technik klar wurde, aber ein richtiges deutsches Wort dafür scheint es nicht zu geben. Es ist wirklich schon faszinierend, all die aufwendigen Verzierungen zu sehen; das ist auch etwas, was sich für das Reenactment schwer reproduzieren lässt. Es ist wirklich schade, dass diese tolle Ausstellung nur so kurze Zeit in Deutschland ist, so dass keine Chance besteht, sie noch ein zweites mal zu sehen. Ein noch so schönes Begleitbuch ist ja immer nur ein dürftiger Ersatz für das Betrachten der Originalstücke.



Tags: Ausstellung | Kostüme

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Christian
Ausstellung – Friederisiko
22.07.2012 11:50:00

Die Ausstellung „Friederisiko“ stand eigentlich gar nicht auf unserem Plan – aber da wir schon mal in Potsdam sind, nutzen wir die Gelegenheit, sie anzuschauen. Viele Räume im Neuen Palais in Potsdam sind nun erstmals wieder zugänglich, auch wenn dort nach wie vor noch viel Renovierungsarbeit notwendig ist. Die Ausstellung bietet elf Themenbereiche verteilt auf 72 Säle im Schloss und den Garten als zusätzlichen Bereich. Durch unsere beschränkte Zeit müssen wir dabei leider einen Turbodurchgang einlegen und haben nicht viel mehr als eine Minute pro Raum. Für die Ausstellung sollte man eigentlich mindestens vier Stunden Zeit mitbringen. Im Eintrittspreis ist ein dickes Begleitheft und ein Audioguide enthalten, wobei wir zum Anhören heute leider nicht genug Zeit haben. Der Guide schweigt deshalb bei uns meistens – was schlecht ist – denn so erfahren wir nicht, was sich die Macher der Ausstellung eigentlich gedacht haben. Um die Besuchermassen zu steuern, ist der Einlass jeweils zu einem auf der Karte festgelegten genauen Zeitpunkt an einem der drei Eingänge – das führt zu einigen Verwirrungen durch die verschiedenen Routen der Besucher durch das Gebäude und zu wildem Geblätter im Begleitheft, wo man sich nun eigentlich befindet. Zeitweilig ist dabei zusätzlich die Tür zu besonders beliebten Bereichen wegen Überfüllung geschlossen, was das Durcheinander vergrößert. Wir haben Glück und kommen durch Eingang A direkt zu „Der Modeaffe“ – die Künstlerin Isabelle de Borchgrave hat hier Friedrichs Komödie von 1742 mit lebensgroßen Papierfigurinen in Szene gesetzt – leider sind diese nachempfundenen Papierobjekte das einzige, was an Kostümen in der Ausstellung zu sehen ist. Bei „Dynastie“ geht es um die vielfältigen verwandtschaftlichen Beziehungen des Königs – das Neue Palais ist ja als Gästehaus für den Sommer errichtet worden, um die angereiste Verwandtschaft angemessen beherbergen zu können. Im wesentlichen sind in diesem Teil der Ausstellung viele Gemälde der Verwandten zu sehen – hier ist die abgebildete Kleidung natürlich interessant. „Horizonte“ soll einerseits den Bezug zur Antike zeigen, in den sich Friederich setzen wollte; andererseits die im Gebäude und bei der Ausstattung verwendeten edlen Materialien und deren damaligen enormen Wert vermitteln. Die kriegerische Seite von Friederich stellt „Risiko und Ruhm“ dar. Hier finden sich Artefakte wie Waffen und Uniformteile, Bilder von Freund und Feind, aber auch Bilder und Gegenstände zu seinem Friedensprojekt – dem neuen Palais. Freunde waren für Friederich wichtiger als familiäre Bindungen, doch von vielen trennt er sich im Streit – die „Verhältnisse“ reihen sein Netzwerk auf das mit zunehmenden Alter immer löchriger wurde. Willst du einen echten Freund haben, dann kauf dir einen Hund – entsprechend waren seine beständigsten Freunde Tiere, wie seine Hunde Alcmene und Thisbe, neben denen er vor Schloss Sanssouci beerdigt werden wollte oder sein letztes Reitpferd Condé. Das „Tagesgeschäft“, Friederichs enger Alltagsbereich, ist der beliebteste Teil der Ausstellung und dort bilden sich auch schon mal Schlangen. Die, mit nahezu authentischer Einrichtung ausgestattete, Königswohnung gibt Einblicke in die Umgebung seines täglichen Lebens – Gäste empfangen, essen, arbeiten, lesen, musizieren und schlafen. Im Obergeschoss finden sich fünf weitere Themengebiete. Der Ausstellungsteil „Körper und Seele“ versucht sich dem Trauma von Friedrichs Kindheit anzunähern, seinem gebrochenem Verhältnis zu Frauen und seiner Reproduktion des eigenen Traumas an seinem Thronfolger. „Im Wettstreit“ mit anderen Nationen befindet sich auch Friedrichs Staat im Bereich Kunst und Kunsthandwerk – wertvolles Einkaufen, Kopieren und Bessermachen ist oft die Devise. Hier finden sich auch die Bilder der berühmten Tänzerinnen der Zeit und einige ihrer Schuhe. Das Theater sehen wir leider nicht, weil gerade ein kleines Konzert darin stattfindet. „Europa und die Welt“ zeigt Friederichs Außenpolitik und Kriege anhand von Bildern, Karten, Dokumenten, aber auch anhand von einigen exemplarischen Objekten. Friedrich vermied es Modell zu sitzen, dennoch oder gerade deswegen entstanden viele „Königsbilder“, die sich hier versammeln und ihn meist nach dem Bild von Antoine Pesne von 1745 ikonographisch zur Marke machten. Im Bereich „Entwicklungspolitik“ wird anhand von Dokumenten und wissenschaftlichen Instrumenten Friedrichs strategisch offenes Verhältnis zu Religion und Wissenschaft zum Zweck der Verbesserung der Wirtschaftslage in seinem Land dargestellt. Insgesamt eine durchaus sehenswerte Ausstellung, für die man sich genug Zeit, am besten abseits der Hauptbesuchstage, nehmen sollte. Die Besucher haben ihren eigenen Laufsteg durch die Räume, so dass die lästigen Filzpantoffeln entfallen, wobei man sich allerdings oft mehr Platz wünscht. Auch wenn die Ausstellung durch ihre Bereiche eigentlich ein klares Konzept verfolgt, ist hier jenseits des Audioguide eine moderne museumspädagogische Aufbereitung bedauerlicherweise nicht erfolgt. Leider ist der Audioguide raumbezogen und nicht objektbezogen. Die Objektnummer muss man immer im Begleitheft nachschlagen, das ist aber ohne Bilder, so dass es nach Ausstellungsbesuch ärgerlicherweise zu Altpapier wird. Und leider herrscht in der kompletten Ausstellung Photographieverbot, ein Mitnehmen und eine Nachbetrachtung von dem, was einen wirklich interessiert, ist so ausgeschlossen.



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Christian
Le Carrousel de Sanssouci
21.07.2012 20:00:00

Das „Carrousel de Berlin“ von 1750 war sicherlich eins der beeindruckendsten Pferdeballette seiner Zeit. Anlässlich des 300. Geburtstag von Friedrich dem Grossen wurde mit dem „Carrousel de Sanssouci“ eine Art Wiederauflage dieses Ereignisses geplant. Klar, ein nachgestelltes Pferdeballett wie im Barock oder dem Rokoko sieht man nicht alle Tage und für jemanden, den die Epoche interessiert ist das sicherlich eines der Topereignisse des Jahres – also nichts wie hin. Wer nun eine akribische Rekonstruktion eines Barocken Pferdeballetts erwartete, wird enttäuscht, „Le Carrousel de Sanssouci“ ist eher ein Pferdemusical, das verschiedene Elemente für den modernen Geschmack verknüpft. Es gibt eine Bühnenhandlung mit einem Hofstaat, der auch mal tanzt und singt, dazu Voltaire, der Französisch labert, etwas modernes Ballett, eine eingeflochtene historische Liebesgeschichte und natürlich in erste Linie die Reiterei in der Arena. Und klar, die Massen an Darstellern und die Qualität der Kostüme von 1750 kann heute keiner mehr bezahlen, so dass notwendigerweise alles in einer dem heute möglichen Budget angepassten Version ablaufen muss. So rückt die Fürstliche Hofreitschule Bückeburg mit 21 Reitern statt der 200 beim historischen Ereignis an. Die Musik kommt von den zehn Potsdamer Turmbläsern und dem auf sieben Musikern aufgestockten Ensemble Celeste Sirene. Aber für eine wirklich originalgetreue Rekonstruktion fehlt uns heute, neben dem Geld, leider ohnehin auch eine Menge an Informationen. Eine Choreographie und die Musik sind leider nicht mehr vorhanden – aber neben verbalen Beschreibungen sind für das Carrousel von 1750 immerhin einige originale Kostümentwürfe erhalten. Die Frage ist natürlich letztlich auch, ob das heutige Durchschnittspublikum eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion nicht viel zu langweilig finden würde – ging es damals doch wohl vor allem darum, der Welt Reichtum und militärische Macht von Preußen zu präsentieren.

Glücklicherweise sagt der Regen zu Beginn der Veranstaltung nur mal kurz „Hallo“, danach bleibt es trocken, aber viel zu kalt für einen Juliabend. Nach einem Willkommensgruß schreitet zunächst der Hofstaat auf die Bühne, dann reiten die Stars des Abends – die Pferdequadrillen ein. Es gibt vier Quadrillen, die jeweils eins der großen Kriegervölker der Antike repräsentieren – Römer, Griechen, Karthager und Perser. Wir sehen verschiedene Dressurkunststücke, ein kleines modernes Ballett zu einer Jagdarie und schließlich die hohe Kunst der Pferde am langen Zügel. Der Hofstaat versucht sich an einem Menuett und das Liebespaar des Abends reitet einen Pas de Deux zu Pferd – die Dame dabei in elegantem Damensattel. Sie ist die einzige als Dame reitende Frau des Abends, denn auch wenn sich heute überwiegend Frauen in den Sattel schwingen, war das Carrousel damals natürlich Männersache. Es handelt sich um eine echte, wenn auch etwas dramatisierte, Liebesgeschichte aus der damaligen Zeit – der schottische Adlige Patrick Home of Billie war auf seiner „Grand Tour“ durch Europa und durfte 1750 beim Carrousel in Berlin mitreiten, er verliebte sich unglücklich in die für ihre Schönheit bekannte Hofdame Sophie von Brandt. Nach einer weiteren Arie mit modernem Ballett kommt der Höhepunkt des Abends – das eigentliche Pferdeballett. Die 16 Reiter der Quadrillen führen in der Arena rund 10 Minuten lang verschiedene Raumfiguren zur Musik vor. Nach einer Pause ist der zweite Teil des Abends dem Wettkampf gewidmet. Es gibt eine Fechtquadrille und im Waffengarten sind verschiedene Prüfungen zu bestehen. Umrahmt von jeweils einem Intermezzo mit einer Arie und dem tanzenden Hofstaat findet schließlich ein Tjost zu Pferde statt. Hier gehen einige Lanzen zu Bruch, bis sich ein Sieger findet. Nach der Siegerehrung gibt es noch einmal ein großes Finale, wo sich zum Schluss auch das Maskottchen der Hofreitschule – ein Shetlandpony noch einmal seinen Applaus abholen kann. Insgesamt eine gelungene Veranstaltung, die wohl ihre Nachfolger finden wird, denn an der Wiederaufführung der barocken Pferdeballette gibt es noch einiges zu forschen und zu entdecken.



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